Deutschdefizite: Sprachbarriere bei Bewerbung

41 Prozent der Bewerber für Wiens Polizei scheitern wegen ihrer Deutschkenntnisse. Auch in anderen Berufsgruppen gibt es sprachliche Defizite. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund

Deutsch Nicht genuegend
Deutsch Nicht genuegend
Durchgefallen – (c) BilderBox.com

Die Polizei hat Pech. Sie geriet diese Woche in die Schlagzeilen und wurde belächelt, weil sie bekannt gab, dass 41 Prozent der Bewerber für die Wiener Polizei an mangelnden Deutschkenntnissen gescheitert sind, genauer gesagt an der Rechtschreibung. Dabei ist die Polizei gar kein so schlechter Spiegel unserer Gesellschaft. Denn es sind bei Weitem nicht nur die künftigen Leider-nicht-Polizisten, die sich mit der deutschen Sprache mehr als plagen.

„Eine unserer Problemgruppen sind arbeitssuchende Jugendliche ab 15 Jahren“, sagt Hans-Paul Nosko vom Wiener Arbeitsmarktservice. Und dabei geht es nicht nur um jene mit Migrationshintergrund, auch Kinder österreichischer Eltern haben zum Teil große Schwierigkeiten mit Deutsch.

Gerade bei Jugendlichen auf Lehrstellensuche wird das Problem besonders deutlich. Immer mehr Unternehmen klagen darüber, dass die Bewerber eklatante Schwächen hätten. „Wir stellen fest, dass das Niveau der Jugendlichen immer schlechter wird“, sagt Walter Granadia. Als Bereichsleiter des Ausbildungszentrums für überbetriebliche Lehrausbildung des Berufsförderungsinstituts Wien hat er es mit rund 400 Jugendlichen zu tun, die keine Lehrstelle in einem Betrieb bekommen haben. „Mängel gibt es vor allem beim sinnerfassenden Lesen“, erzählt er. Aber auch die Ausdrucksweise sei oft problematisch: „Ich würde keinen der Jugendlichen hier auf einen Kunden loslassen.“


Test als Pflicht. Rund 80 Prozent seiner Lehrlinge haben migrantischen Hintergrund, die restlichen 20 Prozent sind autochthone Österreicher. Gemeinsam haben sie, dass sie zu Beginn einen dreimonatigen Schwerpunkt Deutschunterricht absolvieren müssen. Dazu gehören auch Aufgaben wie Bewerbungstraining oder das Schreiben von Lebensläufen, zum Teil auch fachbezogener, auf den jeweiligen Lehrberuf getrimmter Sprachunterricht. Für alle, die mit Deutsch ihre Probleme haben, gilt aber auch, dass es in anderen Fächern Mängel gibt – die Grundrechnungsarten erweisen sich etwa für viele als große Schwierigkeit.

Unternehmen, die bei der Auswahl ihrer Lehrlinge auf Nummer sicher gehen wollen, verlangen daher immer häufiger Tests, die über die Schulnoten hinaus etwas über die Bewerber aussagen. Der Weg vieler Jugendlicher führt dann ins Berufsinformationszentrum der Wirtschaftskammer (Biwi). Hier werden kostenlos sogenannte Talentechecks abgehalten, bei denen die Teilnehmer ihre Talente und Fähigkeiten beweisen sollen. Eigentlich dazu gedacht, dass Jugendliche ein Bild von sich selbst bekommen, sind die Tests zunehmend zu einer Art Pflichtprogramm für Lehrstellensuchende geworden, die von den Unternehmen geschickt werden.


Nicht nur Deutsch. „Das lässt sich nicht auf einen Deutschtest reduzieren“, sagt Leiter Leo Hödl. Neben verschiedenen Aufgaben auf Papier oder am Computer gilt es auch, Übungen mit diversen Maschinen und Simulatoren zu absolvieren. Und, das würden viele Jugendliche unterschätzen, es finden sich schon in den Rahmenbedingungen viele Dinge, die den Unternehmen einiges über die Bewerber verraten: „Eigeninitiative, Interesse, Pünktlichkeit – schon allein dadurch reduziert sich die Zahl der Bewerbungen.“ Und es sind gar nicht so wenige, die vor dem Talentecheck kapitulieren und gar nicht erst hingehen. Mit dem Zertifikat des Biwi in der Hand hat man demnach bei der Suche nach einer Lehrstelle schon einmal einen Pluspunkt.

Doch wer jetzt in den Reflex verfällt, dass derartige Defizite ein Kennzeichen bildungsferner Schichten seien, liegt falsch. „Beim AMS landen zwar eher Menschen mit Qualifikationsdefiziten“, sagt AMS-Experte Nosko, „mehr als 50 Prozent der in Wien arbeitslos Gemeldeten verfügen maximal über Pflichtschulabschluss.“ Allerdings: „Das Problem trifft man auch unter höher Gebildeten an.“ Zwar nicht in der Intensität, dass überhaupt keine Kenntnisse vorhanden sind oder man erst mit der Alphabetisierung starten müsste, doch das Deutsch-Level ist zum Teil erschreckend niedrig. Sogar bei Maturanten, selbst bei Universitätsabgängern, ist das Niveau vor allem in deutscher Rechtschreibung gar nicht so selten alles andere als zufriedenstellend. Viele werden allein durch die Rechtschreibprüfung am Computer vor dem Auffliegen gerettet.


Sprachliche Feinheiten. Schwierigkeiten mit den Fällen – Dativ und Genitiv werden besonders gern falsch verwendet –, Unsicherheiten oder komplette Verwechslung von „dass“ und „das“ stehen ganz oben auf der Mängelliste. So wie auch Satzzeichen gelegentlich nur mehr willkürlich gesetzt werden. Immerhin, auf der Sozialplattform Facebook, die immer häufiger Probleme der realen Welt thematisiert, hat sich schon eine Gegeninitiative gebildet. Name der Gruppe: „Komm essen wir Opa – Satzzeichen retten Leben!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2010)

Kommentar zu Artikel:

Deutschdefizite: Sprachbarriere bei Bewerbung

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen