Verbrechen verliert sein „Geschlecht“

Langfristig holen Frauen in der Kriminalität auf.

Wien (red./uw). Eine 14-Jährige, die in Wien ihre Mutter tötet, eine Frau, die in Salzburg eine Bank überfällt – Fälle wie diese sorgen dafür, dass eine alte Frage wieder aufs Tapet kommt. Nämlich: Werden Frauen brutaler? Holen sie bei der Kriminalität auf?

Auf den ersten Blick: Kaum. Der Anteil der weiblichen Tatverdächtigen liegt in der Kriminalitätsstatistik für Jänner bis März 2010 bei 20Prozent, Tendenz gegenüber 2009 sinkend. Langfristig allerdings sind Experten wie der Salzburger Kriminalpsychologe Walter Hauptmann der Meinung, dass der Anteil steigen wird. „Nicht auf 50Prozent, aber vielleicht auf 30Prozent“, sagt Hauptmann zu „Presse“. Zu beobachten sei dies bereits seit etwa 30 Jahren und vor allem bei jungen Täterinnen: „Heute schließen sich auch junge Mädchen zu Banden zusammen. Denken Sie mal ein paar Jahrzehnte zurück, an die Generation Ihrer Großmutter, ob das damals möglich gewesen wäre.“

Den Grund für diese Entwicklung ortet der Kriminalpsychologe in allgemeinen soziologischen Faktoren oder ganz banal in „mehr Möglichkeiten“: „Früher war das soziale Leben der Frauen sehr eingeschränkt und, wenn ich einen Vergleich bringen darf: Wenn Sie kein Auto fahren dürfen, haben Sie halt auch keinen Unfall.“ Aufzuhalten ist der – wenn auch schleichende – Trend für Hauptmann nicht, der auch eine gewisse Parallelität zum steigenden weiblichen Alkohol- und Nikotinkonsum sieht (jedoch keinen direkten Zusammenhang).

Die Prognose des Experten bedeutet allerdings nicht, dass sich der „Modus operandi“ der Täterinnen radikal verändert: Noch immer, sagt Hauptmann, würden Frauen eher verleumden als körperlich attackieren, eher Gift benutzen als mit der Hacke zuschlagen.


Mildere Strafen: Unfair?

Und auch im Strafmaß bestehen nach wie vor Unterschiede: „Frauen“, sagt Hauptmann, „werden tendenziell milder bestraft.“ Warum? „Das hat mit der sozialen Beeindruckbarkeit zu tun“, sprich: Bei Frauen genügt demnach eine geringere Strafe zur Abschreckung.

Unfair? „Nur dann, wenn Sie strikt von einer numerischen Gerechtigkeit ausgehen.“ Er selbst finde unterschiedliche Strafen – soweit nicht andere Faktoren wie „Mitleid oder ein hübscher Augenaufschlag“ dazukämen – durchaus gerechtfertigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2010)

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