Für einen Tag mit dem Rad nach „Kanada“

Zweieinhalb Autostunden von Wien entfernt führt die 100-Teiche-Tour durch eine märchenhafte Landschaft aus Wald und Wasser. Mit vielen Gelsen.

Umgestürzte Bäume wie diese Birke bleiben malerisch im Wasser liegen.
Umgestürzte Bäume wie diese Birke bleiben malerisch im Wasser liegen.
Umgestürzte Bäume wie diese Birke bleiben malerisch im Wasser liegen. – (c) Kommenda

Immer schmäler, immer bescheidener wird die Straße, wenn man sich von Wien kommend über Österreichs nördlichste Stadt, Litschau, der tschechischen Grenze nähert. Was mit der Autobahn A22 beginnt, endet nach knapp zweieinhalb Stunden Autofahrt mit einem Durchschlupf im Wald an der Grenze bei Schlag.

Auch so kann ein Grenzübergang aussehen
Auch so kann ein Grenzübergang aussehen
Auch so kann ein Grenzübergang aussehen – Benedikt Kommenda

Das Auto hat man bereits stehen gelassen. Über ein nicht einmal asphaltiertes Weglein radelt man – und tritt man also – in eine andere Welt: die Südböhmische Seenplatte. Sie ist zum genüsslichen Radfahren geradezu ideal geeignet: flach zum Dahingleiten ohne große Anstrengung, und mit so viel Wald bewachsen, dass man die meiste Zeit im vergleichsweise kühlen Schatten verbringt. „Böhmisches Kanada“ wird die von Wald und Wasser geprägte Gegend auch genannt.


Badesachen im Rucksack. Die Fahrradstrecke, die wir an der Grenze beginnen, heißt bezeichnenderweise 100-Teiche-Tour. Da mag zwar die eine oder andere Pfütze auf dem 64 Kilometer langen Rundkurs in Achterform mitgezählt sein; aber genügend Bäche, Flüsse, Kanäle, Seen und Teiche laden allemal zu einer Erkundung mit dem Fahrrad ein. Und bei Bedarf mit Badesachen im Rucksack.

Chlum u Třebon
Chlum u Třebon
Chlum u Třebon – Benedikt Kommenda

Es geht los auf Straßen, die im Vergleich zum Grenzübergang wieder zu normaler Größe angewachsen sind und durch verbautes Gebiet führen: durch das Städtchen Chlum u Třeboně (deutsch: Chlumetz) nämlich, das malerisch an einem Teich liegt. Schon nach wenigen Kilometern ist man allein mit der Natur – vorteilhafterweise geführt durch ein Fahrradnavi, denn aussagekräftige Wegweiser sind hier Mangelware. Umso üppiger begegnet dem Besucher die Tier- und Pflanzenwelt.

Hier gibt's genug zu fressen
Hier gibt's genug zu fressen
Hier gibt's genug zu fressen – Benedikt Kommenda

Hier lugt ein Reh neugierig aus dem Unterholz, dort ruft ein Kuckuck aus seinem Versteck; Frösche quaken, Schwäne kriegen ihre Hälse kaum aus dem Wasser, so reich muss die Beute unter der Oberfläche sein, und Gelsen lauern. Wohlweislich empfiehlt Thomas Rambauske, der in seinem Buch „Mountainbiken im Waldviertel“ diese (freilich fast nur in Tschechien gelegene) Tour als eines der absoluten Highlights präsentiert, die Mitnahme eines Gelsensprays. Zu ergänzen wäre: Setzen Sie die Fahrradbrille ab, bevor Sie Ihr Gesicht einsprühen; Sie plagen sich sonst sehr beim Putzen der Gläser.


Tourenrad genügt. Ein Mountainbike brauchen Sie für diese Strecke übrigens nicht – jedes Tourenrad tut es genauso gut, weil weder grober Untergrund noch große Steigungen zu bewältigen sind. Die größte und anstrengendste läge zwischen Litschau, wo die Tour gleichsam offiziell beginnt, und der Grenze (genauer: auf dem Rückweg hinauf nach Litschau). Darauf kann man aber bedenkenlos verzichten, wenn man, wie beschrieben, mit dem Auto näher an die Grenze fährt. Von dort beträgt die reine Fahrzeit für die ganze Runde etwa viereinhalb Stunden.

Jahrhundertealte Eichen säumen den Weg
Jahrhundertealte Eichen säumen den Weg
Jahrhundertealte Eichen säumen den Weg – Benedikt Kommenda

Viele der Gewässer sind künstlich angelegt, zum Teil aber schon seit Jahrhunderten. Der „Neue Fluss“ (Nová řeka) etwa, an dem die Strecke auffallend gerade entlangführt, ist eigentlich ein Kanal, der schon im 16. Jahrhundert angelegt worden ist. Es ist ein Hochwasserschutz für die Lainsitz, einen Nebenfluss der Moldau. Auf dem Deich stehen unter anderem stattliche Eichen, denen man ihr Alter von 200 bis 400 Jahren ansieht. Andere Bäume, die nicht so lange ausgehalten haben, sind am Ufer ins Wasser gekippt und – dem Naturschutz sei Dank – malerisch liegen geblieben.

Umgestürzte Bäume bleiben im Wasser liegen
Umgestürzte Bäume bleiben im Wasser liegen
Umgestürzte Bäume bleiben im Wasser liegen – Benedikt Kommenda


Tschechische Kronen. Zur Halbzeit der Fahrt erreicht man mit der Stadt Třeboň (Wittingau) den kulturellen Höhepunkt. Der Marktplatz mit seinen pastellfarbenen Renaissancehäusern und das Schloss an seiner südwestlichen Ecke laden zumindest zu einer kurzen Rast ein. Wer die Strecke zweiteilen will, kann hier auch übernachten.

Marktplatz von Třeboň (Wittingau)
Marktplatz von Třeboň (Wittingau)
Marktplatz von Třeboň (Wittingau) – Benedikt Kommenda

Eine Stärkung ist an dieser Stelle schon deshalb wichtig, weil nach Třeboň ein längerer Abschnitt ohne Wald und Wasser, aber mit Asphaltstraße folgt, was bei Hitze naturgemäß weniger angenehm ist. Bevor die Route bei Kilometer 57 wieder nach Norden in den Wald dreht, könnte man wie die einheimischen Radler noch bei einer kleinen Jausenstation Halt machen. Hier kann man aber nur in tschechischen Kronen zahlen.

Buchtipp

„Mountainbiken im Waldviertel“ von Thomas Rambauske: 40 Touren nicht nur für Mountainbikes. Kral Verlag, 216 S. plus Karten, 22,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2019)

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