Missbrauchsanzeige: Schulbrüder schließen Übergriff aus

Die Klasnic-Kommission hat erstmals eine Anzeige wegen Missbrauchs erstattet. In Wien soll ein Elfjähriger 1993 mehrmals vergewaltigt worden sein. Ein damaliges Gerichtsverfahren ist eingestellt worden.

Der frührere Paul Kaiser
Der frührere Paul Kaiser
Der frühere Provinzial und nunmehrige Beschuldigte Paul Kaiser – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (Herbert Neubauer)

Die von Kardinal Christoph Schönborn eingesetzte Opferschutzanwaltschaft unter Waltraud Klasnic hat eine erste Anzeige erstattet. Wie das Ö1-"Morgenjournal" am Dienstag berichtete, betrifft sie den römisch-katholischen Orden der Schulbrüder in Wien-Strebersdorf. Die Erzdiözese Wien hat die Anzeige bestätigt. Die Sachverhaltsdarstellung langte per 2. Juli bei der Staatsanwaltschaft ein, erklärte deren Sprecher Thomas Vecsey. Die Anzeige wurde an die zuständige Referentin weitergeleitet und werde derzeit geprüft.  Der Vizeprovinzial der Schulbrüder, Bruder Paul Kaiser, hat bereits vor Wochen alle seine kirchlichen Funktionen ruhend gestellt, damit er sich dem Verfahren widmen kann, sofern eine Anzeige einlangt. Der Orden selbst hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

"Sexuelle Übergriffe kann ich mit absoluter Sicherheit ausschließen", erklärte Kaiser, der von 2002 bis Mai 2010 als Oberer dem Provinzialat Zentraleuropa (Österreich, Deutschland, Slowakei, Niederlande und Rumänien) vorgestanden ist. Schon in den 1990er Jahren war er einer von mehreren Beschuldigten in einem angeblichen Missbrauchsskandal: Eine Mutter hatte Anzeige erstattet, weil ihr damals elfjähriger Sohn im Jahr 1993 in Wien-Strebersdorf mehrmals vergewaltigt worden sei.

Vorwürfe "an den Haaren herbeigezogen"

Der damalige Anwalt der Schulbrüder, Farid Rifaat, der den Orden nach wie vor vertritt, bezeichnete die Vorwürfe als "an den Haaren herbeigezogen": Zuerst habe die Staatsanwaltschaft festgestellt, dass es keine ausreichenden Gründe für eine Anklage gebe. Als die Frau dann als Privatbeteiligte eine Subsidiarklage eingebracht hatte, sei in einem Zivilverfahren unter der Leitung der Richterin und späteren FP- und BZÖ-Politikerin Helene Partik-Pablé festgestellt worden, dass es keine Beweise für einen sexuellen Missbrauch gegeben habe: "Es gibt ein rechtskräftiges Urteil." Dass es bei der Anzeige um diesen Fall gehen muss, habe er den Medien entnommen, etwas anderes schloss Rifaat aus.

Der Generalvikar der Erzdiözese Wien, Franz Schuster, sprach hingegen von mehreren "ernstzunehmenden Vorwürfen". Die Fälle seien nicht verjährt und würden sich gegen zum Teil hochrangige Angehörige und Mitarbeiter des Ordens richten, so das Ö1-"Morgenjournal". Treibende Kraft sei erneut die Mutter des mittlerweile 29-Jährigen, auf deren Wunsch man Anzeige erstattet habe.

Die Schulbrüder

Die Geschichte des römisch-katholischen Ordens der Schulbrüder geht auf das Jahr 1857 zurück, als acht Brüder aus Deutschland nach Wien kamen und ihnen die Leitung des k.k. Waisenhauses in der Boltzmanngasse im neunten Wiener Gemeindebezirk übertragen wurde. Von hier aus verbreitete sich die Kongregation in der gesamten Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Mehr ...

In der Sachverhaltsdarstellung soll es um mutmaßlichen schweren sexuellen Missbrauch in zumindest einer Internatseinrichtung in den 90er Jahren gehen. Die Schulbrüder haben die Unterlagen noch nicht erhalten, sagte Provinzial Johann Gassner, man werde "selbstverständlich" mit den Behörden zusammenarbeiten. Er gehe aber davon aus, dass es sich bei den Vorwürfen um jene aus den 90er Jahren handelt. "Wir sind gerne bereit für Fehler einzustehen, die wir begangen haben, ersuchen aber dringend, bei der Wahrheit zu bleiben", verlas Gassner aus einer Stellungnahme.

Rechtsanwalt Farid Rifaat vermutet, dass manche die Klasnic-Kommission missbrauchen könnten, "um alte Fälle wieder aufzuwärmen", denn die Kommission leite "fast alles" an die Staatsanwaltschaft weiter. "Die Staatsanwaltschaft kann gerne erneut prüfen. Sie wird keine Anhaltspunkte finden", zeigte er sich überzeugt.

Erzdiözese über Schulbrüder irritiert

Irritiert zeigte sich die Erzdiözese Wien. Weder die Ombudsstelle noch die Pressestelle Kardinal Christoph Schönborns waren über das Abhalten der Pressekonferenz informiert - von Zusammenarbeit in der heiklen Causa gar keine Rede. Für Verwunderung sorgt bei manchen auch die Wahl des Anwalts der Schulbrüder: Rifaat hatte vor acht Jahren Missbrauchsklagen gegen die katholische Kirche in Österreich nach US-Vorbild angekündigt.

Waltraud Klasnic wird jedenfalls den Sommer über weiter arbeiten. Im Herbst sollen erste Entschädigungszahlungen durch die Kommission entschieden werden. Bisher haben sich rund 250 Missbrauchsopfer bei der Stelle gemeldet.

"Klasnic-Kommission"

Kardinal Christoph Schönborn hat Ende März des heurigen Jahres die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (ÖVP) als "unabhängige Opferbeauftragte" eingesetzt. Klasnic hat gemäß Schönborns Vorhaben in der Folge eine unabhängige, aber von der Kirche finanzierte Kommission zusammenstellt.

Ordensmann in Gänserndorf verurteilt

Auch der Fall eines Ordensmanns aus dem Bezirk Gänserndorf gelangte an die Öffentlichkeit. Der Johannes-Bruder wurde am vergangenen Freitag am Landesgericht Korneuburg wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses zu sechs Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt.Der Geistliche wurde bereits bei bekannt Werden der Vorwürfe dienstfrei gestellt.

Ihm wurde vorgeworfen, seine Vertrauensstellung als Seelsorger ausgenützt zu haben. Demnach habe er zwei psychisch "angeschlagene" junge Frauen, die in dem Kloster Rat und Orientierung suchten, sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Der Mann legte ein Geständnis ab  und trat eine zweijährige berufliche Auszeit an.

(Red.)

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