Oberkantor Barzilai: "Radikaler Islam ist ein Problem"

Oberkantor Shmuel Barzilai sieht sich im Gespräch mit der "Presse" als "Kulturbotschafter des Judentums" in Wien und glaubt, dass Israel ein Imageproblem hat.

(c) Michaela Bruckberger

Eigentlich will er lieber über seine neue CD reden als über Politik. 1992 kam Shmuel Barzilai mit seiner Familie nach Wien, seit 1997 ist der in Israel geborene Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) österreichischer Staatsbürger. Seine Funktion ist künstlerisch und seelsorgerisch zugleich, er ist sozusagen Vorsänger im Tempel.

Und wie lebt es sich in Wien? Musikalisch ist es hier „top“, sagt Barzilai. Die Stadt sei sicher und sauber. Die Hochsommertemperaturen, unter denen das Land in den letzten Tagen gelitten hat, stören ihn nicht, im Gegenteil. Viel häufiger nehme ihn die Kälte in Österreich mit. Mit Kritik will er im „Presse“-Gespräch nicht gleich herausrücken, später bekennt er aber: Am besten habe ihm Österreich gefallen, als er noch nicht so gut Deutsch konnte. Da fiel ihm manches noch nicht so auf. „Die Österreicher wollen das Geld von den Touristen, mögen aber die Ausländer nicht.“ In Israel sei man zu Fremden freundlicher. Aber Angst habe er keine hier, „Gott sei Dank“.

Mit dem offiziellen Österreich pflegt Barzilai jedenfalls beste Kontakte. Die Fotogalerie in seinem Büro in der Kultusgemeinde zeigt ihn mit Politikern: Seite an Seite mit den Bundespräsidenten Klestil und Fischer, Bürgermeister Häupl, Innenministerin Fekter. Bei der ORF-Gala „Licht ins Dunkel“ singt der Oberkantor regelmäßig. „Ich verstehe mich als Kulturbotschafter des Judentums“, sagt Barzilai. „Mir ist es wichtig, die schöne Kultur der Juden zu zeigen.“ In Tel Aviv hat er eine musikalische Ausbildung absolviert, an der Uni Wien studiert er Judaistik, das er nun mit dem Doktorat abschließen will.

 

Juden missionieren nicht

Und was sagt Barzilai zur Auseinandersetzung zwischen Islamischer Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) und der IKG, nachdem das israelische Militär im Mai die Hilfstransportflotte (die die Blockade vor dem Gazastreifen durchbrochen hat) gestürmt hat? Der SPÖ-Gemeinderat und IGGiÖ-Integrationsbeauftragte Omar al-Rawi hatte danach an einer anti-israelischen Demonstration teilgenommen. Die IKG warf ihm Hetze vor, al-Rawi sprach seinerseits von „hetzerischer Politik“ der Kultusgemeinde.

Israel habe ein „PR-Problem“, meint Barzilai dazu vorsichtig, bemüht, nicht weiter Öl in das innerösterreichische Feuer zu gießen. Denn auf dem Schiff seien keineswegs nur Friedensaktivisten mit harmlosen Absichten, sondern auch „Leute mit Waffen“ gewesen. Man tue so, als sei der radikale Islam nur ein Problem für Israel, dabei sei er eines für die ganze Welt. Israel wolle niemanden vernichten, umgekehrt sage Irans Präsident Ahmadinejad aber unverblümt, dass Israel von der Landkarte radiert werden müsse. Der Koran empfehle die Verfolgung Ungläubiger, während das Judentum nicht missioniere, schon gar nicht mit Gewalt. Im Talmud stehe geschrieben, dass man keinen Stein ins Wasser werfen dürfe, aus dem man trinke. Aber genau das tue der islamistische Terror. Barzilais Botschaft lautet hingegen: „Jeder hat das Recht, so zu leben, wie er will.“

In Wien funktioniere das jüdische Leben wieder, freut sich der Oberkantor. Die Kultusgemeinde spiegle die israelische Gesellschaft in all ihren Facetten wider: Von den ganz frommen bis zu den liberalen Juden. Der Oberkantor hat seine Rolle darin gefunden.

AUF EINEN BLICK

Shmuel Barzilai (53) ist Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, die 7000 Mitglieder hat. Geschätzte 15.000 Juden leben in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2010)

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