Demografie: Bevölkerung wird nicht dümmer

Demografie-Konferenz: Experten räumen in Wien mit gängigen Klischees auf. Frans Willekens: "Migranten bleiben nicht immer in niedrigen sozialen Schichten und in der zweiten Generation sinkt die Geburtenrate"

(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

WIEN. Von Deutschland ausgehend wird derzeit heftig diskutiert, ob eine Bevölkerung durch Migranten immer dümmer wird. „Nein, das ist falsch“, sagt der holländische Bevölkerungsforscher Frans Willekens. Er ist einer der Stargäste bei der größten europäischen Demografie-Konferenz „EPC 2010“, die derzeit in Wien stattfindet. Die Aussage gründe auf zwei falschen Annahmen, erläutert der Experte: Erstens werde unterstellt, dass Migranten auch in Zukunft mehr Kinder hätten als die „einheimische“ Bevölkerung – was nicht stimmt. Spätestens in der zweiten Generation sinkt die Geburtenrate von Zuwanderern auf das einheimische Niveau.

„Und zweitens wird unterstellt, dass Migranten immer in niedrigen sozialen Schichten bleiben – was einfach nicht stimmt“, so Willekens. Der soziale Aufstieg brauche aber seine Zeit, ergänzt Wolfgang Lutz, Demograf an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Gastgeber der Konferenz. „Die Eltern wurden mit einem schlechten Bildungsniveau geholt, da darf man sich nicht wundern, wenn es etwas länger dauert.“

 

Alterung der Gesellschaft

Die Demografie (Lehre von der Entwicklung der Bevölkerung) ist heute eine zentrale Wissenschaft. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Migration oder der Alterung der Gesellschaft – jedes Jahr steigt die Lebenserwartung der Menschen um drei Monate, heute geborene Kinder werden im Schnitt über 100 Jahre alt werden.

Gerade die Alterung hat viele Folgen für Politik und Gesellschaft – über die die zur Konferenz angereisten 800 Wissenschaftler noch bis Samstag intensiv diskutieren werden. Ein Thema ist beispielsweise die Produktivität älterer Menschen im Arbeitsleben. „Dass ältere Menschen generell weniger produktiv sind, stimmt einfach nicht“, erläutert die Wiener Ökonomin Alexia Fürnkranz-Prskawetz. „Die kognitiven Fähigkeiten ändern sich mit der Zeit, ältere Menschen haben ein breiteres Wissen und eine breitere Erfahrung, was immer stärker gefragt ist.“

Müssen wir uns Sorgen um unsere Pensionen machen? „Mit den gegenwärtigen Erwerbsquoten kann es nicht funktionieren“, stellt Lutz fest. Konkret: Ein Pensionsantrittsalter von 58 Jahren passt nicht dazu, dass bald ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre ist. Allerdings: Wenn man ähnliche Erwerbsquoten wie in Skandinavien erreicht (wo mehr Frauen und Ältere arbeiten), dann habe Österreich kein Problem, so Lutz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2010)

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