Garde: Die Visitenkarte des Bundesheeres

Jedes Jahr rücken 1600 Jugendliche bei der Garde in Wien ein. Nach neun Wochen hat man aus ihnen das Aushängeschild der Republik gemacht: Eine Ehrenwache, die bei Staatsempfängen durch unglaubliche Disziplin beeindruckt.

Visitenkarte Bundesheeres
Visitenkarte Bundesheeres
(c) APA (Herbert P. Oczeret)

Es ist sechs Uhr früh und alle Träume enden jäh. „Tagwaaacheeeeeeeeee“, brüllt einer aus Leibeskräften in den Saal. Unter den Decken bewegen sich ein paar müde Gestalten, einige springen sofort auf und gehen mit einem kleinen Beutel und viel Energie Richtung Waschsaal. Die wollen vermutlich Offiziere werden.

Die anderen kämpfen sich mühsam aus den Betten. Oft kommen Jugendliche um diese Uhrzeit erst nach Hause. Und normalerweise lassen 18-, 19-Jährige das Bett in dem Zustand, in dem sie es verlassen haben, wenn sich nicht die Mama darum kümmert. Aber so perfekt Leintuch, Kopfpolster und Überdecke zu arrangieren, wie sie es später in diesem Saal machen, ist in dem Alter nicht normal.

Wir sind folgerichtig beim Grundwehrdienst und der Frage, ob man ihn jungen Menschen noch zumuten soll. Es geht ja nicht nur um das frühe Aufstehen, das Robben durch den Dreck, darum, ob jemand dauerhaft ohne bleibende Schäden dieses Essen essen kann, sondern vor allem um sechs Monate, die man dem Staat mehr oder weniger sinnvoll opfert.

Andererseits: Muss man nicht den verweichlichten Couch-Potatoes beibringen, dass es im Leben mehr gibt als virtuelle Facebook-Freunde? Ist ein Dienst für die Allgemeinheit – ob mit oder ohne Waffe geleistet – nicht auch eine gute Charakterbildung?


Imaginärer Staatsgast. Man muss das erst einmal aushalten. 120Augenpaare, die einen anschauen. Starr, konzentriert, die meisten ohne zu blinzeln. Schon drei Fanfarenrufe lang starren die Augen. Der Trompeter endet mit drei Stößen, das Zeichen für einen Staatsgast. Es ist noch nicht vorbei. Die Gardemusikkapelle hebt an und spielt die Bundeshymne – schöner, als sie Mozart komponiert hat.

Dann folgt ein kurzer Moment des Innehaltens. Der Staatsgast, der an diesem kalten Morgen in der Maria-Theresien-Kaserne in Wien steht, ist nämlich nur ein imaginärer und hat keine Hymne. „Wir könnten die Tiroler Landeshymne spielen“, flüstert Stefan Kirchebner, aber wir wollen es ja nicht übertreiben.

„Los, mit links“, lautet der hilfreiche Hinweis zum Abschreiten der Ehrenkompanie, die tatsächlich so tut, als marschiere Putin oder Obama an ihnen vorbei, und keine Miene verzieht. Auch das muss man erst einmal können. „Das Grinsen ist nicht wirklich das Problem“, erzählt ein Soldat. „Das Problem ist der Schweiß im Sommer, wenn er dir in den Nacken rinnt, oder wenn es juckt. Und man darf sich nicht rühren, eine halbe Stunde, manchmal eine ganze Stunde lang.“ Keiner kratzt sich, keiner grinst. Die Burschen – und mehr sind sie nicht – haben eine bewundernswerte Disziplin. Das ist die Garde, die Visitenkarte des österreichischen Bundesheeres.

Gleich vorweg: Das ist keine politische Geschichte. Es werden keine geheimen Interna enthüllt, keine leidenschaftlichen Befürworter oder Gegner der Wehrpflicht zitiert und auch keine Studien uminterpretiert. Einerseits, weil das Büro des Verteidigungsministers dieser Tage eine Heidenangst davor hat, die Presse mit einem Militär reden zu lassen, ohne dass man dem zuvor per Tagesbefehl mitteilt, was er zu sagen hat.

Andererseits sind die Offiziere des Bundesheeres zu intelligent, um irgendetwas zur Wehrpflicht zu sagen. Denn egal was man in dieser Situation sagt, mit irgendjemandem verscherzt man es sich immer. Mit der politischen Führung, der militärischen Führung, mit den Grundwehrdienern, den Kollegen, vielleicht sogar der Frau.

Außerdem geht es bei der Garde nicht um die Frage Berufssoldat oder Grundwehrdiener, sondern darum, wie man Soldaten derart perfektioniert. Für die Garde gilt, was man einst im Ersten Weltkrieg über die Armee sagte: „Was hatten wir für eine schöne Armee! Hohe Stiefel, prachtvolle Uniformen, lange Säbel. Und was haben wir mit ihr gemacht? Wir haben sie in einen Krieg geschickt.“ Auch die Garde ist zu schön, um sie in den Krieg zu schicken.

„Das ist völliger Blödsinn“, sagt Kirchebner, hörbar empört. Er ist Oberstleutnant und Kommandeur der Garde. Als Beweis lässt er gleich ein paar seiner Mannen vorführen, wie sie an einem Kontrollposten einen Verdächtigen aus dem Auto holen. Der Darsteller landet vielleicht ein wenig härter als sonst auf dem Boden. Auch das ist die Garde: Eine ganz normale Waffengattung – „Repräsentieren ist nicht die einzige Aufgabe“.


Kluges Marketing. Aber die wichtigste und auffälligste. Und da sind wir doch bei den Grundwehrdienern. Die Garde, die der Bundespräsident beim Empfang ausländischer Staatsgäste im Ehrenhof der Hofburg aufmarschieren lässt, besteht nämlich in erster Linie aus 18- und 19-Jährigen. Das verwunderte auch die Franzosen, als eine Abordnung 2007 zum Nationalfeiertag über die Champs-Élysées paradierte: Dass man diese Präzision mit ehemaligen Schülern und Studenten erreicht.

„Wir machen alle zu Gardisten“, erklärt der Kommandeur. „Wir legen großen Wert auf Disziplin, Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen.“ Also Eigenschaften, die alle jungen Menschen in Österreich lernen sollten – auch nicht freiwillig? Keine Chance, Kirchebner lächelt nur milde und schweigt.

Neun Wochen nach dem Einrückungstermin hat man die Rekruten so weit, dass sie mit ihrem Sturmgewehr58 eine „Ehrengestellung“ ohne Peinlichkeiten absolvieren können. Bei Angelobungen, Staatsempfängen, am Nationalfeiertag – insgesamt 250-mal im Jahr rückt eine Kompanie oder das ganze Bataillon aus. Oft begleitet von der Gardemusik, dem Maßstab der österreichischen Marschkapellen. Auch die in erster Linie zusammengesetzt aus Grundwehrdienern.

Der Kapellmeister erfüllt übrigens die nette Tradition, dem jeweiligen Bundespräsidenten einen Marsch zu schreiben. Es gibt also auch den „Dr.-Heinz-Fischer-Marsch“, der nicht bedächtig und ruhig ist, wie man mutmaßen könnte, sondern recht schmissig.

Mit klugem Marketing hat man erreicht, dass die Mitglieder der Garde etwas stolzer auf sich und ihre Einheit sind als der Rest des Heeres. Es gibt Garde-Aufkleber, Manschettenknöpfe, ein Zippo-Feuerzeug samt Wappen. Sogar ein eigenes, kleines Museum hat man in der Maria-Theresien-Kaserne eingerichtet, das von dem Milizoffizier Alexander Eidler hingebungsvoll betreut wird und dessen Geschichte über das Gründungsjahr 1935 zurückreicht bis zur Trabantenleibgarde des Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, von der man heute noch die Fahne hat. Jeder Rekrut wird durch das Museum geführt, „das steigert das Wir-Gefühl“, erklärt Eidler – und auch das, etwas Besonderes zu sein. Genauso wie das rote Barett, das die Mitglieder der Garde von anderen Waffengattungen unterscheidet. „Selten sieht man so viele Soldaten in Uniform aus der Kaserne gehen, wie an dem Tag, an dem sie das Barett bekommen“, sagt Stefan Kirchebner.

Und was wird aus der Garde bei einer Reform des Bundesheeres? Vergangenen Juni fragte „Ö1“ den Bundespräsidenten, was er tun würde, wenn die Einheit den Sparmaßnahmen zum Opfer fiele. „Dann“, antwortete Heinz Fischer, „müsste ich ein ernstes Wort mit dem Herrn Finanzminister reden.“ Mit dem Herrn Verteidigungsminister hat er es ja schon getan.

1935
wird das Gardebataillon aufgestellt, vom Kunsthistorischen Museum erhält es die Fahne der k. u. k. Trabantenleibgarde mit Maria als „Madonna Immaculata“ auf der Vorderseite und dem dreifach gekrönten Doppeladler auf dem Revers. Die Neuerrichtung in der Zweiten Republik erfolgt 1957.

Vier Kompanien, eine Musikkapelle
Jährlich bildet man etwa 1600 Grundwehrdiener aus, 900 dienen als Ehrenwache. Die Waffengattung gliedert sich in eine Stabskompanie, vier Gardekompanien und eine Gardemusik. Das Motto der Garde lautet „Ehre und Pflicht“. Kommandeur der Garde ist Oberstleutnant Stefan Kirchebner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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