Lawinen: Der Schnee hat ein Gedächtnis

Lawinen gehen immer unter ähnlichen Bedingungen ab. Bekannte Risikogrößen sind intensiver Neuschnee, starker Wind und rasche Temperaturveränderung. Zwei Tiroler haben zehn Gefahrenmuster in der Schneedecke festgemacht.

Lawinen Schnee Gedaechtnis
Lawinen Schnee Gedaechtnis
Lawinenhund – (c) APA (Peter Kneffel)

Als der Wirt der Langtalereckhütte gegen halb vier Uhr zum Schalfkogel hinüberschaut, beobachtet er, wie sich auf 3100 Metern Höhe eine Skitourengruppe in Richtung Gipfel kämpft. Kurz nach vier Uhr kann er nur mehr die Bergrettung rufen. Doch das Schlechtwetter behindert den Einsatz bei diesem Lawinenunglück, dem schwersten im freien Skiraum in Tirol der jüngsten Vergangenheit – geschehen am 2. Mai 2009. „6 beteiligte Personen/6 getötete Personen“ nehmen Rudi Mair und Patrick Nairz vom Tiroler Lawinenwarndienst und Autoren von „Lawine.“ in ihre Analyse auf. So liest sich der Tod in Kürzeln: „Schneebrettlawine (trocken)/L 500 m/B 170m/Anriss 0,4–1 m/Verschüttung 1–2,2 m/ 1Tag.“ An diesem Tag war für die Ötztaler Alpen Lawinenwarnstufe drei ausgegeben worden – erheblich.

Welche fatalen Faktoren zusammenwirkten, beschreiben die beiden in ihrem Buch als eine Kombination aus stürmischer Südströmung, 50 Zentimetern Neuschnee, starker Sonneneinstrahlung plus extrem steilem Gelände. Ganz entscheidend sei dabei ein Lawinen-Gefahrenmuster, das speziell im Frühjahr auftaucht: „Schwachstellen innerhalb der Schneedecke werden häufig mit Kugellagern verglichen. Wirklich passend ist dieses Bild aber nur für den eingeschneiten Graupel.“

Beispielhaft ist dieser Fall für eine stark verfeinerte Methodik der Lawinenunfallanalyse, die detailreich dargestellt wird. Aus 20 Jahren Erfahrung im Lawinenwarndienst und unzähligen Untersuchungen zeigten sie zehn immer wiederkehrende, klar abgrenzbare, oft parallel auftretende Gefahrenmuster auf. „Es ist kein Zufall, dass Lawinenunfälle zu ähnlichen Zeiten an ähnlichen Orten stattfinden“, so Mair. Auch nicht, „dass Menschen immer in die gleiche Falle tappen“. Mittlerweile wird im Tiroler Lawinenlagebericht neben der Gefahrenstufe auch das jeweilige Gefahrenmuster angegeben. Zu erkennen, ob es sich „um ein Problem mit einer tiefer liegenden Schachschicht oder um Gleitschnee handelt“, mache die Situation fassbarer.

Schneedecke speichert Wetter. Bekannte Risikogrößen sind intensiver Neuschnee, starker Wind und rasche Temperaturveränderung. Doch anders als früher schlussfolgern die Autoren nicht nur aufgrund von Vergleichen der Wetterparameter und vergangener Ereignisse, sondern beziehen den aktuellen Schneedeckenaufbau ein. Dieser sei „wiederum eine unmittelbare Folge des vorangegangenen Wetters“. So wird es in „schneearmen Bereichen in schneereichen Wintern“ (Gefahrenmuster sieben) ebenso brenzlig wie nach „dem zweiten Schneefall“ (eins) oder in einer „Frühjahrssituation“ (zehn). Nicht von ungefähr fallen die Einschätzungen bei Gleit-, Trieb- oder Schwimmschnee ähnlich komplex aus wie in der Luftfahrt. „Als ein besonders unfallträchtiges Gefahrenmuster gilt etwa der dritte Landeanflug, nachdem zwei Versuche gescheitert sind. In der Lawinenkunde zählt hingegen das Gefahrenmuster ,Schnee nach langer Kälteperiode‘ zu jenen Mustern, bei denen die meisten Lawinenunfälle passieren.“

Jede der zehn Konstellationen wird in „Lawine.“ mit Beispielen belegt. Wie etwa jenes Schneebrett, das am 31. Jänner 2010 in den Kitzbüheler Alpen abging: Ein Skitourengeher überlebte 70 Minuten eineinhalb Meter tief verschüttet in der Lawine unbeschadet.

Ein Unfall wie dieser zeigt auch den Leichtsinn jener, die es eigentlich am besten wissen müssten: „31 bis 40 Jahre alt, sehr guter Tiefschneefahrer und einheimisch. 85 Prozent der Lawinentoten sind Männer.“ Als sie tiefer in den Ursachen gruben, stießen sie auf eine Kombination aus „kalt auf warm/warm auf kalt“: Beträgt, verkürzt erklärt, der Temperaturunterschied von Schneedecken mehr als fünf Grad, wird es kritisch, weil darin Schwachschichten entstehen.

Vorsicht bei Stufe drei. Angesichts der Komplexität von Schneedecken und Wetter könnte man leicht den Eindruck gewinnen, der Berg sei ein Minenfeld, nur in Erwartung, dass jemand das Unheil los tritt. Dem nehmen die Autoren den Schrecken: „Die überwiegende Zeit des Winters ist die Situation okay.“ Dass nicht mehr passiert, liege am Bewusstsein der Skitourengeher: „Wenn Lawinenwarnstufe drei ausgegeben wird, findet man auf einem stark frequentierten Tourenberg keine einzige Spur.“

Aus den Unfallanalysen geht aber auch hervor, wie vermeidbar vieles gewesen wäre: Oft war das Gelände zu steil (an die 40 Grad), das Wetter zu schlecht, wurden Hinweise wie kleinere Lawinenabgänge ignoriert. Heimtückisch wird's, wenn der Skifahrer im Frühling auf dem Schwimmschnee des Frühwinters unterwegs ist.

Statistik: 2008/2009 wurden laut Österreichischem Kuratorium für alpine Sicherheit mit 22 Opfern die meisten Lawinentoten in Tirol verzeichnet. Betroffen waren vor allem Skitourengeher, gefolgt von Variantenfahrern. Besondere Häufungen von Lawinenereignissen wurden in vier Zeitperioden festgestellt.

Info und Statistiken: www.alpinesicherheit.at


In „Lawine. Praxis-Handbuch. Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen“ (Tyrolia) beschreiben Rudi Mair & Patrick Nairz häufige Gefahrenmuster von Lawinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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