Bevölkerung: Die Volkszählung, die keiner bemerkt

8,4 Millionen Menschen leben in Österreich; die Statistik Austria erfasst nun regelmäßig ihre Daten – ohne, dass ein einziger Bürger befragt wird. Man vernetzt dazu einfach bestehende Register. von ERICH KOCINA

(c) AP (Michael Probst)

Wien. Die Zeit der Fragebögen ist vorbei. Bei der heuer wieder anstehenden Volkszählung wird kein Bürger einem Volkszähler die Tür öffnen und seine Daten in einen Fragenkatalog eintragen müssen. Die für die Erfassung der Bevölkerung zuständige Statistik Austria greift ab sofort auf bereits bestehende Register zu und vernetzt die darin befindlichen Daten.

Die Registerzählung, so heißt die neue Methode, führt die Datensätze aus 15 Datenbanken verschiedener Institutionen zusammen, etwa dem Zentralen Melderegister, dem Gebäude- und Wohnungsregister, dem AMS, den Finanzämtern und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Ein Verfahren, das vor allem zu weniger personellem und finanziellem Aufwand führt. Statt hunderte Mitarbeiter mit Fragebögen von Haus zu Haus zu schicken, werden einfach bestehende Daten verknüpft. Laut Statistik Austria entstehen dadurch Kosten von 9,9 Mio. Euro – bei der traditionellen Methode wären es 72 Mio. Euro.

 

Kein Religionsbekenntnis

Allerdings: Die Registerzählung hat auch Nachteile. Etwa den, dass bestimmte Daten in keinem Register enthalten sind, etwa Beruf, Umgangssprache und Religionsbekenntnis. Dinge, die per Fragebogen noch abgefragt werden konnten. Und dann ist da auch noch ein etwas mulmiges Gefühl, dass man dem Staat als gläserner Bürger alle Daten preisgibt, ohne davon überhaupt etwas mitzubekommen.

Bei der Statistik Austria ist man bemüht, derartige Bedenken zu zerstreuen. „Jede Datenstelle ist verknüpft mit einem 172-stelligen Personencode. Wir bekommen den Datensatz ohne Namen geliefert und können ihn nur über diesen Code zuordnen“, sagt der fachstatistische Generaldirektor Konrad Pesendorfer. Noch dazu verwende jedes Register einen anderen Code, der dann erst bei der Statistik Austria mit dem internen Code verknüpft wird. „Wir können also die erhobenen Merkmale nicht einem Namen zuordnen.“

Allerdings – es gibt sehr wohl Fälle, in denen Menschen angeschrieben werden. Dann nämlich, wenn es offene Fragen oder Ungereimtheiten gibt. Etwa bei Karteileichen, die noch in einem Register aufscheinen, jedoch mit Daten aus anderen Registern nicht verknüpft werden können. In diesem Fall gibt die Datenschutzkommission die Daten frei, damit etwa in den Registern der Gemeinde überprüft werden kann, ob es die betreffende Person noch gibt – oder ob sie verzogen oder verstorben ist.

Eine Probezählung, die 2006 durchgeführt wurde, brachte an die 40.000 Fälle, die angeschrieben wurden. Von denen meldeten sich etwa 4000 zurück, es blieben etwa 36.000 Karteileichen. „Die wird es auch immer geben“, sagt Manuela Lenk, die Leiterin der Registerzählung. Denn keine Gemeinde sei zu jedem Zeitpunkt auf dem genauen Stand aller ihrer Einwohner.

Dass fragwürdige Daten nachrecherchiert und bestehende Lücken durch fundierte Schätzungen geschlossen werden müssen, hat einen einfachen Grund: Es hängt viel davon ab. Die Daten der Volkszählung inklusive der auf einzelne Regionen und Bezirke heruntergebrochenen Ergebnisse sind wesentlich zur Errechnung der Mandatsverhältnisse bei Wahlen – und beim Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Hier gilt: Je mehr Einwohner mit Hauptwohnsitz, desto mehr Mittel gibt es.

Vonseiten der Gemeinden ist die Versuchung natürlich groß, um den Stichtag viele Menschen zu motivieren, den Hauptwohnsitz zumindest kurzfristig bei ihnen zu melden – etwa mit Zuschüssen zu Tickets für Verkehrsmittel. Um diesen „Meldetourismus“ auszuschalten, werden Menschen nur gezählt, wenn sie um den Stichtag insgesamt 180 Tage in der Gemeinde gemeldet sind.

Die Registerzählung wird künftig – so wie früher die konventionelle Volkszählung – alle zehn Jahre durchgeführt. Stichtag für die Erhebung von 2011 wird der 31.Oktober sein. Zusätzlich wird es jährlich eine „Miniregisterzählung“ geben, die für den Finanzausgleich herangezogen wird.

 

Bevölkerung ist gewachsen

Weiter geben wird es den Mikrozensus (s. Artikel unten), bei dem per Zufall ausgewählte Haushalte nach ihren Daten gefragt werden. Und auch die jährlichen Bevölkerungsstatistiken auf Basis des Zentralen Melderegisters werden weiter veröffentlicht. Die jüngsten Ergebnisse (s. Grafik) brachten übrigens im Jahr 2010 einen Bevölkerungszuwachs von rund 27.600 Personen (+0,3 Prozent). Am stärksten war das Wachstum in Wien mit einem Plus von 0,9 Prozent. Als einziges Bundesland verzeichnete Kärnten einen Bevölkerungsrückgang (–0,2 Prozent).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2011)

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