Jugendamt: Kinder werden zu sehr vernachlässigt

53 Prozent der beim Jugendamt gemeldeten Fälle betreffen Kinder, auf die ihre Eltern nicht achten. Der Rest verteilt sich auf psychische und physische Gewalt, sowie sexuellen Missbrauch.

Jugendkrisenzentrum Augarten, Jugend, Kindheit, Familie, JugendamtFoto: Clemens Fabry
Jugendkrisenzentrum Augarten, Jugend, Kindheit, Familie, JugendamtFoto: Clemens Fabry
(c) Presse Print (Clemens Fabry)

Die Kleidung ist verdreckt, die Fingernägel lang, Mama und Papa kümmern sich nicht um den seit Tagen quälenden Husten, daheim herrscht emotionale Kälte und niemand sorgt sich, wenn der vierjährige Nachwuchs allein das Balkongeländer hochklettert: Kinder, die vernachlässigt werden, pendeln zwischen akuter Lebensgefahr und nicht adäquater Versorgung. 53 Prozent, der Gefährdungsmeldungen, die 2010 beim Wiener Jugendamt abgeklärt worden sind, waren auf Vernachlässigung zurückzuführen. Der Rest verteilte sich auf psychische Gewalt (29 Prozent), physische Gewalt (16 Prozent) und sexuellen Missbrauch (zwei Prozent), wie aus dem Jahresbericht 2010 hervorgeht.

Der Anteil der Vernachlässigungen an den Meldungen, die beim Jugendamt eingehen, "ist europaweit ähnlich hoch", erklärte Herta Staffa, Sprecherin der Magistratsabteilung 11, Amt für Jugend und Familie. "Vernachlässigung reicht von nicht adäquater Versorgung der Kinder bis zu verdrecken lassen und nicht adäquat ernähren. Es ist eine breite Palette, die unterschiedlich gefährlich für Kinder ist."

Polizei macht die meisten Meldungen

9964 Gefährdungsabklärungen hat das Wiener Jugendamt 2010 bearbeitet, ein leichter Rückgang gegenüber 2009 (10.451). Die meisten Meldungen sind von der Polizei (29 Prozent) gemacht worden, dahinter rangieren Schulen und Kindergärten (17 Prozent), anonyme Anzeigen (neun Prozent) und Spitäler und Ärzte (fünf Prozent).

Die Wiener Krisenzentren haben nach wie vor mit Überlastung zu kämpfen. Die durchschnittliche Jahresauslastung lag bei 111,5 Prozent. Noch im Mai oder Juni diesen Jahres soll ein neues Zentrum in Wien-Donaustadt eröffnet werden, kündigte die Sprecherin an.

Wien: Weniger Kinder betreut

1523 Wiener Kinder und Jugendliche lebten Ende 2010 nicht bei ihren Eltern und waren in Institutionen (etwa in Wohngemeinschaften) untergebracht. Insgesamt verringerte sich diese Zahl im Vergleich zu 2009 um 6,5 Prozent. "Unser Ziel ist, alles zu tun, um die Kinder möglichst lange in der Familie zu halten", sagte Herta Staffa, dafür stünden zahlreiche ambulante Unterstützungsprogramme für Eltern (Familiencoaching etc.) zur Verfügung. Eine deutliche Zunahme gab es bei den Unterbringungen bei Verwandten um 69 Prozent: Ende 2010 wurde den Großeltern oder Tanten und Onkeln von 206 Kindern die Volle Erziehung übertragen.

Verletzte Unterhaltspflicht

Viele Hilfestellungen des Jugendamtes betrafen im Vorjahr Probleme mit Vaterschaft und Unterhalt. 2010 wurden unter anderem 4446 Exekutionsanträge und 908 Strafanzeigen wegen Verletzung der Unterhaltspflicht getätigt. Ein monatlicher staatlicher Unterhaltsvorschuss - für Fälle, bei denen weder freiwillige Zahlung noch Pfändung möglich war - musste per 31. Dezember 2010 für 16.048 Wiener Kinder geleistet werden. Diese Fälle steigen laut Jugendamt kontinuierlich. Problematisch wirke sich hier die die wirtschaftliche Situation getrennter Eltern, Arbeitslosigkeit, häufige Jobwechsel, Bezug der Mindestsicherung, aber auch geringes Einkommen trotz Arbeit aus.

(APA)

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