Neue Zuflucht für die Obdachlosen von der Josefstädter Straße

Mit der Sperre der U6-Station Josefstädter Straße musste auch das Tageszentrum "Josi" schließen. Für die Obdachlosen, die plötzlich ohne Betreuung dastanden, wurde nun in Meidling ein Übergangszentrum errichtet.

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wien. Ganz leer ist sie noch nicht, die U-Bahn-Station Josefstädter Straße. Obwohl sie hinter Baugerüsten verschwunden ist, lungern noch einige wenige Obdachlose mit Weinflaschen in der Hand vor dem Gebäude herum. Noch vor zwei Wochen waren es weitaus mehr, die vor dem Obdachlosenzentrum „Josi“ standen, das in der Station untergebracht war.

Als die Station am 18. Juli wegen Bauarbeiten schließen musste, musste auch Josi weichen. Tagelang stand nur eine Ersatzstelle zur Verfügung, an der die Obdachlosen Post, Geld und Dokumente lagern konnten. Gestern, Donnerstag, öffnete schließlich das „Josi.exil“ in der Koppreitergasse in Meidling. Hier können die Obdachlosen duschen, ihre Kleidung waschen und kochen. Zusätzlich können sie sich ausruhen und für ein paar Euro einen Spind mieten.

Alfred Schantl, der auf der Straße lebt und regelmäßig ins Josi kommt, kennt die Menschen dort. „Die Leute sind im Grunde alle okay“, sagt er, „bis auf die Schlümpfe vom Karlsplatz.“ Schlümpfe, so nennt er die Süchtigen, die von einem Drogenersatzmittel blaue Lippen bekommen.

 

Platz für Süchtige

Auch für Süchtige ist hier Platz – solange sie sich an die Benimmregeln halten. Doch es gibt auch zwei eigene Anlaufstellen, die sich ausschließlich an Suchtkranke richten. Den Ganslwirt in der Esterhazygasse und das Tabeno (Tageszentrum, Betreuung, Notschlafstelle) am Wiedner Gürtel. Beide bieten Spritzentausch, Betreuung, Notambulanz und Schlafstellen an. Ein Angebot für die sogenannte Drogenszene – von der Experten behaupten, dass es sie gar nicht gibt. Denn von einer Szene sprechen sie erst ab einer Größe von zehn bis 20 Personen. In der Station Josefstädter Straße etwa habe es nur an die fünf Drogenkranke gegeben – dementsprechend sei die Bezeichnung „Drogenhotspot“ auch irreführend. „Es gibt in Wien keine Drogenszene“, sagt Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel. „Wenn sich eine bilden würde, wären wir die ersten, die es wüssten.“

 

Verteilt auf ganz Wien

Der Bedarf an Anlaufstellen für Drogenkranke sei gut gedeckt, meint Roland Reithofer, Leiter für soziale Arbeit beim „Verein Wiener Sozialprojekte“. Der Rest habe sich in den privaten Bereich zurückgezogen oder verteile sich auf Wien. Streetworker bauen vor Ort Beziehungen auf und verweisen an die Tageszentren.

„Das Tabeno ist niederschwellig, das heißt hürdenlos“, sagt Reithofer. Ohne Anmeldung, rund um die Uhr geöffnet – und das alles kostenlos und anonym.

Etwa 500 Suchtkranke gehören der offenen Straßenszene an, mehr als die Hälfte davon ist zumindest zeitweise obdachlos. Im Tageszentrum seien sie nicht dem öffentlichen Raum ausgesetzt, erklärt Reithofer. Zwischen 160 und 170 Abhängige kämen täglich vorbei. Vier Betreuer sind am Tag anwesend, zwei in der Nacht. Um 18 Uhr öffnen die Schlafräume, die 26 Betten sind fast jede Nacht voll belegt. Neben der Tätigkeit in den Zentren müsse man aber auch die Menschen informieren. Denn immer noch würden „Junkies“ als gefährlich wahrgenommen – und nicht als krank.

Mitte 2012 ziehen Ganslwirt und Tabeno gemeinsam an einen neuen Standort in der Gumpendorfer Straße. Den Betreuern des Josi.exil steht der nächste Umzug allerdings noch etwas früher bevor: Schon im September könnten sie wieder an ihren angestammten Platz – in die Station Josefstädter Straße – zurückkehren. „Frühestens“, wie es bei den Wiener Linien heißt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2011)

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