Ehemaliger Heiminsasse klagt das Land Oberösterreich

Weil er als vermeintliches Waisenkind interniert und in staatlichen Heimen misshandelt wurde, geht der heute 65-Jährige Jenö Molnar jetzt vor Gericht. Molnar fordert 1,6 Millionen Euro vom Land Oberösterreich.

Symbolbild
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(c) Clemens Fabry

Linz/Geme. Jenö Molnar, ein ehemaliger Insasse der Erziehungsheime Leonstein, Neuhaus und Wegscheid, fordert 1,6 Millionen Euro vom Land Oberösterreich. Die Entschädigungsklage des heute 65-Jährigen wurde diese Woche eingereicht.

Nein, sagt Molnar, Familie habe er keine: „Wie denn auch?“ Molnar war seine gesamte Kindheit und Jugend über in verschiedenen Erziehungsheimen in Oberösterreich interniert. Er wurde dort als Vollwaise geführt – zu Unrecht, wie aus den Melderegistern hervorgeht. Als Sohn eines US-Soldaten und einer nach Oberösterreich geflüchteten Ungarin, wurde er seiner Mutter ohne deren Einverständnis abgenommen und 1947 in einem staatlichen Heim untergebracht. Erst 1986 konnte Molnar seine inzwischen verstorbene Mutter, die damals in Salzburg lebte, wieder sehen.

 

Staatenloser bis 1991

Als er von der Landesfürsorge ohne gültigen Pass und ohne Papiere auf die Straße gesetzt wurde, begann sein Leben als Staatenloser – ohne Aussicht auf ein geregeltes Einkommen oder eine eigene Wohnung. Österreich erkannte ihn weder als Flüchtling noch als Staatsbürger an. Seinen ersten Pass erhielt er 1991 nach der Wende von der ungarischen Botschaft. Nun hat er Klage gegen das Land Oberösterreich eingebracht: Er fordert Schadenersatz für entgangene Versicherungszeiten und Schmerzengeld für die langjährige unrechtmäßige Heimunterbringung sowie für die von ihm während dieser Zeit erlittenen und nachträglich entstandenen Schäden. Versuche, seine Eltern ausfindig zu machen, wurden von der Behörde ebenso unterlassen wie verabsäumt wurde, einen Vormund für den Minderjährigen zu bestellen, durch den Molnar zumindest die Staatsbürgerschaft hätte bekommen können.

In den Erziehungseinrichtungen sei er schwersten Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt gewesen, sagt Molnar. Als Fünfjähriger sei er von einer Erzieherin bewusstlos geprügelt wurde, er überlebte nur knapp: „Ich lag schon im Sterbezimmer.“ Später sei er von älteren Buben missbraucht worden.

Die Vorwürfe Molnars stützt ein Gutachten des Historikers Horst Schreiber von der Universität Innsbruck: Es beschreibt die Erziehungsmethoden im mit dem Naziregime verflochtenen Jugendfürsorgesystem der Nachkriegszeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2011)

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