Studie: Lokale missachten Rauchverbot

Laut einer neuen Studie ist die Feinstaubbelastung im Raucherlokal höher als auf einer befahrenen Straße. Die logische Schlussfolgerung für die Ärztekammer lautet daher: generelles Rauchverbot.

(c) Clemens Fabry

Wien/Duö/Red. Verlässlich und alle paar Monate wird der Streit um das seit Juli 2010 geltende österreichische Tabakgesetz neu entfacht. Nun ist es wieder soweit. Die Protagonisten bleiben dabei dieselben: der Glimmstängel, die Ärztekammer, die Wirtschaftskammer – und diesmal auch Loch Ness, aber davon später.

In einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Ärztekammer heißt es, dass 61Prozent der untersuchten Lokale (88 Wiener Gastronomiebetriebe) das neue Tabakgesetz ignorieren. So standen bei 24 Betrieben die Tür zwischen Raucher- und Nichtraucherraum ständig offen, weitere 14 Lokale hatten keinen eigenen Nichtraucherbereich, obwohl sie aufgrund ihrer Größe von über 50 Quadratmetern einen solchen haben müssten. In 13 Lokalen wurde im Nichtraucherraum überhaupt geraucht. Die Studie wurde von zwei Diplomanden der Medizinischen Universität Wien zwischen November 2010 und Mai 2011 durchgeführt – in jedem Raum haben sie während der Hauptbetriebszeit 20 Minuten lang Feinstaubmessungen durchgeführt.

Weiteres Ergebnis der Studie: In Nichtraucherzimmern liegt die Feinstaubbelastung über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwert, wenn in benachbarten Räumen geraucht wird (auch, wenn die Verbindungstür geschlossen ist). In anderen Worten: In gemischten Lokalen funktioniert der Nichtraucherschutz nicht. Durch die Feinstaubbelastung steige das Risiko, an Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lungenkrebs zu erkranken; bei Kellnern und Wirten, die in Raucherlokalen servieren, sogar um 20Prozent, so Manfred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene an der Med-Uni Wien.

Erwartungsgemäß lag die Feinstaubbelastung in Raucherräumen signifikant über dem Grenzwert, so Studienautor Armin Schlietz. Im Schnitt um das Siebenfache, bisweilen aber auch um das Elffache. Damit sei selbst der Wert einer verkehrsreichen Straße übertroffen worden.

 

Wirtschaft lebt „herrlich“ mit den Regeln

Die logische Schlussfolgerung für die Ärztekammer lautet daher: generelles Rauchverbot. Und postwendend hat die Wirtschaftskammer (WKÖ) genau diese Forderung abgewinkt: „Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen“, so WKÖ-Vizepräsident Fritz Amann, „das System der Wahlfreiheit funktioniert.“ Ein generelles Rauchverbot gefährde die Existenz vieler Gastronomen – und die 88 in Wien untersuchten Lokale seien nicht repräsentativ. Dem Argument schließt sich Wilhelm Turecek, Gastronomie-Obmann der Wiener Kammer, an. Bei rund 8000Gastronomiebetrieben in der Hauptstadt sei das Sample der neuen Studie viel zu klein. Und: „Wir leben herrlich mit der jetzigen Regelung.“

Freilich gebe es auch Betriebe, die sich nicht an die Regeln halten würden („Es gibt auch Menschen, die bei Rot über die Straße gehen“), aber die Kammer kontrolliere laufend und kläre laufend auf. Von den in Österreich verkauften Zigaretten werde gerade einmal ein Drittel in der Gastronomie geraucht, daher sei es für Turecek unverständlich, warum „die Ärztekammer wie Loch Ness alle Jahre auf uns los geht“.

Ganz ein Jahr ist es noch nicht her, aber im Februar dieses Jahres hat die Ärztekammer eine Studie von einem anderen Diplomanden der Med-Uni veröffentlicht, die ähnliche Ergebnisse wie die aktuelle liefert: In insgesamt 112Lokalen wurden Feinstaubmessungen durchgeführt, die Belastungen waren im Nichtraucherraum, wenn diese an den Raucherbereich angrenzten, höher als im Freien. Auch im Februar hat die Ärztekammer ein Rauchverbot in der Gastronomie gefordert. „Das können wir nicht oft genug betonen und immer wieder zum Thema machen“, wie Ärztekammerpräsident Walter Dorner meint.

Er nennt die Beispiele Südtirol, Bayern oder Slowenien, wo Rauchverbot herrscht, aber auch die Schweiz, wo Teile der Tabaksteuer in einen Tabakpräventionsfonds fließen. Dorners wohl schlüssigstes Argument lautet aber: 2,3Millionen Österreicher rauchen, alle zweieinhalb Stunden stirbt hier ein Mensch an Lungenkrebs – und 90Prozent aller Lungenkrebspatienten sind Raucher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2011)

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