Die Russen von nebenan

Sie schätzen Sicherheit, Diskretion und die Kultur: Mehr und mehr reiche Russen lassen sich in Wien nieder. Aber sie leben gut versteckt. Und fast diskret.

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In Wien spricht man Russisch. Die Verkäufer der nobelsten Einkaufsstraßen und die Betreiber der edelsten Lokale haben sich längst auf die betuchte Kundschaft aus dem Osten eingestellt. Schließlich werden mehr und mehr reiche Russen zu Stammkunden. Sie lassen sich in Wien nieder, kaufen Immobilien, schicken ihre Kinder in die besten Schulen.

Gut 23.000 Menschen mit russischem Pass leben derzeit in Österreich – das sind um 570 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Keine andere Bevölkerungsgruppe ist in der Zeit so schnell gewachsen, wie aus den Daten der Statistik Austria hervorgeht. Strömen reiche Russen in großen Massen nach Wien? Eher nicht. Die Statistik unterscheidet nicht zwischen tschetschenischen Asylwerbern und Moskauer Oligarchen, die ihr Vermögen sicher parken wollen. Ein Vergleich mit der Asylstatistik deutet darauf hin, dass der größte Teil der Zuwanderer mit russischer Staatsbürgerschaft tschetschenische Flüchtlinge sind. Aber, auch für reichere Russen ist Österreich als sicherer Ort mit günstiger Rechtslage höchst attraktiv. Die Einwohnerzahlen in den Wiener Nobelbezirken steigen.

Eine neue Generation entdeckt Österreich für sich. Mancherorts spricht man von einem neuen „Russen-Boom“. Schließlich hat erst vor wenigen Wochen der Kohle-Tycoon Valentin Bukhtoyarov die Wettbürokette „Wettpunkt“ gekauft und soll seither etwa im Magna Racino ein oft gesehener Gast sein. Die Nummer 52 auf der Liste der reichsten Russen gesellt sich zu Oligarchen wie Rashid Sardarov, der sich in Niederösterreich eine Jagdresidenz errichtet hat. Oder Vizepremier Igor Schuwalow, der mit dem Waldschlössl den schönsten Grund am Attersee besitzt. Oder Ural Rakhimov, der mit Öl-Deals reich geworden ist, und in Wien auf der Wieden residieren soll.

Im Gefolge der Oligarchen zieht es nun auch die Mittelschicht in die Alpen. „Derzeit kommen weniger die Oligarchen als die obere Mittelschicht“, sagt Andrea Mittermaier von der Immobilienkanzlei Spiegelfeld, die sich auf Luxusobjekte spezialisiert hat. „Vor vier, fünf Jahren war die Nachfrage der Russen in Wien immens groß, damals ging es nur um Topobjekte. Nach dem Boom kam ein Rückgang, jetzt ist die Nachfrage wieder stärker.“ Die Russen, die heute kommen, haben einen Bezug zu Österreich. „Sie arbeiten in den Niederlassungen russischer Firmen oder investieren in Österreich. Sie wollen sich dauerhaft niederlassen oder zwischen Wien und Moskau pendeln“, erzählt sie von ihren Kunden.

 

Villen statt Schlösser.

„Während der vergangenen drei Jahre haben sich die Russen, die nach Wien kommen, verändert“, sagt auch die Maklerin Vera Skala. Die Russin lebt seit acht Jahren in Österreich und hat sich auf Klienten aus ihrer alten Heimat spezialisiert. „Zuvor waren sie an Objekten wie Schlössern mit riesigen Gründen interessiert. Heute suchen sie Stadtwohnungen und Villen in guten Lagen.“ Die Russen sind vorsichtiger. „In der Krise 2009/10 hatte man Angst, die Preise würde auch in Österreich fallen“, sagt Skala. Als dem nicht so war, ist das Interesse an Österreich – vor allem an Wien – noch gewachsen. Wer aber sind die Menschen, die in Döbling hinter hohen Mauern leben, von ihren Dachterrassen aus die City überblicken und doch nicht gesehen werden wollen? Die Suche nach den reichen Russen ist schwer, Diskretion oberstes Gebot.

 

Die Nanny der reichen Russen.

Namen? Berufe? Adressen? Von Herbert Martin erntet man auf diese Fragen bloß ein schmales Lächeln. Er hat früher Konzerne beraten, heute arbeitet er quasi als Nanny reicher Osteuropäer in Wien. Er hilft bei der Suche nach Immobilien, bei Behördenwegen, besorgt Chauffeure, die zugleich Wachmänner sind und Russisch sprechen, oder hilft den Russen dabei, sich einen Waffenschein zu besorgen. „Es sind nicht die prominenten Oligarchen. Eher die Reichen eine Ebene darunter.“ Topmanager, Unternehmer oder die Kinder von Regierungschefs und Ministern. Oft lassen sich Frauen und Kinder in Wien nieder, während die Männer ihren Geschäften in der alten Heimat nachgehen und an den Wochenenden nach Wien pendeln. „Sie schätzen die Ruhe, die Kultur, die Diskretion.“

 

Sicherheit als oberste Priorität.

Am wichtigsten ist den Russen die Sicherheit. Die Angst um die Kinder veranlasst viele zum Umzug nach Wien. Nicht ohne Grund, meint Herbert Martin. Er erzählt von vier oder fünf Fällen bei seinen Klienten, die „schon sehr kritisch“ gewesen seien. In einem Fall etwa hat ein Fotograf die Kinder einer Familie verfolgt und sie immer wieder abgelichtet. Der Sicherheitsmann dieser Familie, zugleich der Chauffeur, habe wiederum diesen Verdächtigen und dessen Auto fotografiert. Martin sagt, er habe dann über Kontakte im Innenministerium die Identität dieses Fotografen ausfindig machen lassen. Was dann passiert ist? Schweigen.

Seine Klienten lassen sich den „Rundum-Schutz“ 5000 bis 50.000 Euro im Monat kosten. Der reicht von einem Sicherheitsmann, der zugleich Chauffeur und Kindermädchen spielt, bis zu bewaffneten Wachmännern, die rund um die Uhr auf dem Grundstück patroullieren. In manchen Kreisen gehört es auch zum guten Ton, sich gegen Geld von einem Mann in Schwarz mit Sonnenbrille begleiten zu lassen. Herbert Martins Klienten werden mehr. Er spricht von einer „Propaganda für Österreich“ in Russland. In den reichen Kreisen spricht sich herum, dass es sich hier gut und diskret leben lässt, man schätze die Geschäftspolitik. In Österreich könnten die Russen weitgehend unbehelligt arbeiten.

 

Die Klischees greifen nicht mehr.

„Viele aus der reicheren Mittelschicht wollen weg aus Moskau. Immobilien sind dort unglaublich teuer und viele haben Angst um ihre Sicherheit“, sagt Denis Pimenov. Er lebt seit 2004 in Wien und gibt seit zwei Jahren die russischsprachige Zeitung „Dawai“ (das heißt so viel wie „Geht schon!“ oder „Los!“) heraus. Wien locke, so wie andere Städte Europas, Businessmenschen, Studenten, Reiche, die ihr Vermögen parken wollen, oder Frauen, die Einheimische heiraten. Die Russen bleiben unauffällig. Laute Trinker, große, polternde Gruppen, Prunk und Protz, wohin man blickt – die landläufigen Klischees scheinen nicht mehr zu greifen.

„Vor fünf oder zehn Jahren war es wirklich so. Jetzt reisen die Russen mehr, sie haben sich angepasst. Die jüngere Generation ist nicht mehr so wild. Zuvor konnten Russen 70 Jahre lang nicht zeigen, was sie haben und nicht angeben, also haben sie danach etwas übertrieben“, sagt Pimenov.

Eine einzige russische Community, die gebe es nicht. „Russen sind im Ausland Konkurrenten. In der Heimat sind sie freundlicher zueinander.“ Es gibt Gruppen, Freundeskreise, die sich um die diversen Kulturinstitute gebildet haben. In wenigen Jahren ist in Wien ein russisches Netzwerk gewachsen. Besonders im zweiten Bezirk, um die Taborstraße, haben etliche russische Geschäfte aufgesperrt. Kulturvereine oder Sprachschulen wurden gegründet, man trifft sich auf Partys. „Es gibt jede Woche russische Events, Konzerte, Discos oder Theater. Vor zwei Jahren war das noch nicht so“, sagt Pimenov.

Auch für den Nachwuchs sind die Strukturen gewachsen. Zweisprachige Kindergärten, russische Orchester oder Ballettschulen. Dort unterrichtet man Ballett nach der russischen Methode, erzählt Vera Aleksenko, die Besitzerin der Ballettschule „Karussell“ in der Liechtensteinstraße. Ihre Schülerinnen trainieren hart, der Unterricht ist streng. „In Österreich unterrichtet man spielerischer. Die Kinder machen den Spagat erst mit zehn, meine Schülerinnen können ihn mit vier. Und es macht ihnen Spaß. Sie freuen sich, wenn sie Resultate sehen, wenn sie bei Wettbewerben erfolgreich sind“, sagt Aleksenko, die selbst vor zehn Jahren, mit 17, an die Wiener Staatsoper gekommen ist. Auch der Nachwuchs der Superreichen kommt zu ihr. Ein Mädchen etwa, das stets von einem ihrer drei eigenen Chauffeure abgeholt wird. Der Vater, ein hoher Politiker, kommt nur an den Wochenenden nach Wien, wo die Familie in einer Dachgeschoßwohnung auf der Mariahilfer Straße lebt.

„Spricht man von Russen, geht es immer nur um Reiche oder um Kriminelle“, ereifert sich einer, der beinahe das gesamte russische Leben in Wien zu kennen scheint. Er nennt sich „Boris von Wien“, singt unter diesem Namen Lieder namens „Gastarbeiter“ oder „Lebewohl Sowjetunion, lang lebe Österreich“ und veranstaltet jedes Wochenende den „Club Balalaika“, den ersten russischen Musikclub in Wien. Österreicher dürfen nicht hinein. In seinem Club treffen sich Exilrussen aller Schichten, ein Manager sitze dort neben einem Arbeiter, erzählt er.

 

»Alle sitzen auf einem Pulverfass«.

„Die Russen in Wien sind so vielfältig wie das Land.“ Nur mit den Superreichen hätte man kaum zu tun. Diese hätten Angst, dass man sie anbettelt oder ihre Kinder entführt. Die reichen Russen, erzählt er, legen allergrößten Wert auf Privatsphäre. Und verwischen ihre Sputen. „Sie melden sich an einem Ort an, die Post kommt an eine andere Adresse. Sie sind darauf gefasst, ihre Sachen von einer Stunde auf die andere zu packen und aus Wien zu verschwinden“, sagt er. Warum? „Natürlich Feinde. Sie sitzen auf einem Pulverfass. Man wird nicht in zehn Jahren schwerreich, wenn man nur legale Geschäfte treibt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)

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