Lainzer Tiergarten: Halali in Wiens größtem Park

Einst war es das exklusive Jagdrevier des Kaisers, heute ist der Lainzer Tiergarten Wiens größtes Erholungsgebiet. Doch die Jagd findet noch immer statt, und erstmals durfte eine Zeitung dabei sein.

Lainzer Tiergarten Halali Wiens
Lainzer Tiergarten Halali Wiens
(c) ORF

Wien. Vier Fackeln verleihen der Szene eine wild-romantische Stimmung. Auf der Lichtung liegt erlegtes Wild, dahinter stehen Jäger, rundum ist Wald, der mit der untergehenden Sonne langsam tiefschwarz wird. Laut verkündet der Jagdleiter, welche Wildarten an diesem Tag erlegt wurden. „45 Wildschweine“, sagt er, und die Jagdhornbläser stimmen ein kurzes Stück an, ein Totensignal, mit dem die Tiere „verblasen“ werden. Anschließend werden einzelne Jäger aufgerufen, denen man im Fackelschein den abgebrochenen Zweig eines Eichenbaums überreicht, das Zeichen für einen erfolgreichen Schützen.

Die Szene ist nicht aus einem Ganghofer-Film, auch nicht aus den Bergen Tirols oder den Weiten der steirischen Hügellandschaft. Wir sind hier mitten im Lainzer Tiergarten, nur wenige Kilometer von der Wiener Innenstadt entfernt. Während man auf der Lichtung altes Brauchtum pflegt, hört man entfernt das Rauschen der Autos, die über die Westeinfahrt in die Großstadt fahren.

Keine Jagd im Zentralfriedhof

Eine Jagd im Lainzer Tiergarten gehört zu den großen Mythen Wiens, wie die Jagd auf dem Zentralfriedhof. Man hat davon gehört, der Bekannte eines Freundes eines Freundes war einmal dabei, aber wirklich viel weiß man davon nicht. Im Gegensatz zum Zentralfriedhof findet im Lainzer Tiergarten tatsächlich jährlich eine Jagd statt. Und erstmals durfte mit der „Presse“ eine Zeitung dabei sein.

Etwas stellt Andreas Januskovecz gleich zu Beginn klar: „Wir machen das nicht zum Spaß“, sagt der Leiter des Forstamts der Stadt Wien (MA49). „Das sind keine mordlustigen Menschen, die sich austoben. Was wir hier machen, ist eine notwendige Arbeit.“

Etwa 600 Wildschweine erträgt der Lainzer Tiergarten nach Einschätzung von Naturschutzexperten, doch die Schweine vermehren sich rasant, weil es keine natürlichen Feinde mehr gibt. Ließe man dem Bestand freien Lauf, dann wäre „der ganze Tiergarten bald ein einziges umgeackertes Feld“.

Für Wiens größten Park bedeutet das, dass der Bestand pro Jahr um etwa 600 bis 800 Stück Schwarzwild reduziert werden muss (in allen Revieren der Stadt werden jährlich etwa 1600 Wildtiere erlegt): Das passiert durch „Fallwild“ (Tiere, die ohne Jagd zu Tode kommen), teilweise durch Lebendfang und Weiterverkauf von Tieren und eben durch die Jagd.

Für die Stadt ist das ein relativ einträgliches Geschäft. Zwei Jagden werden pro Jahr an Hobbyjäger verkauft, die nicht wenig dafür bezahlen, einmal im Leben im ehemaligen Jagdrevier des Kaisers auf die Pirsch gehen zu dürfen: Pro Keiler bezahlt der Schütze zwischen 2000 und 3500 Euro. Heuer wurden bei den beiden Jagden etwa 190 Stück Wild erlegt. Der Preis ist übrigens nur für die Trophäe. Wer auch das Fleisch mit nach Hause nehmen will, zahlt extra. Aber das machen nur wenige.

Berufsjäger der Stadt rücken aus

An diesem Tag geht es nicht um Trophäen, sondern um die Reduktion des Bestandes und das Wildbret. Knapp 50 Jäger versammeln sich um acht Uhr Früh bei einem Tor hinter der großen Mauer des Tiergartens, die angesichts der Gesellschaft wie eine Trennlinie zur modernen Welt wirkt. Es sind Berufsjäger des Forstamts, die aus allen Revieren der Stadt zusammengezogen wurden. Auch viele mittlerweile pensionierte Jäger sind gekommen.

Sinn des massiven Aufgebots ist es, die Beunruhigung der Tiere zeitlich möglichst kurz zu halten. „Wir sind hier im Spannungsfeld mit den Interessen der Besucher, die gerne Wild sehen wollen“, erklärt Hannes Lutterschmied, Leiter der Forstverwaltung Lainz und unter anderem zuständig für den Tiergarten. Daher jage man nur an wenigen Tagen im Jahr und nur in bestimmten Gebieten, um das Schwarzwild nicht nachhaltig zu vergrämen. Stellen, an denen es Schaufütterungen für Besucher gibt, Felder direkt neben den Straßen und der Bereich der Eingangstore bleiben tabu. Das führt teilweise freilich dazu, dass sich die nicht unintelligenten Wildschweine bei Jagden genau an diese Plätze flüchten.

Häupl ist kein Jäger

Die Jagdhornbläser blasen zum Beginn der Jagd und das Heer an grün gekleideten Männern (unter den Jägern ist keine einzige Frau) teilt sich auf den südlichen Teil des Tiergartens auf. Um neun Uhr beginnt die Drückjagd, die drei Stunden dauert. Dabei gehen Treiber, teilweise mit Hunden, langsam durch den Wald und scheuchen so das Wild auf. Die Jäger sind auf Hochstände mit Blick auf Wildwechsel, kleinere Lichtungen etwa, aufgeteilt. Zeigt sich eine Rotte von Wildschweinen, werden die Frischlinge (junge Wildschweine) erlegt.

Auf die Jungen geht man, weil einerseits generell die Frischlinge „abgeschöpft“ würden. Andererseits gehe es auch ums Geld, sagt Lutterschmied: „Wenn unsere Jäger die Trophäenträger schießen, entgehen der Stadt Wien einige Einnahmen.“

Auf dem Hochstand Nummer 27 bläst ein eisiger Wind. Stundenlang rührt sich nichts, nur rundum hört man immer wieder Schüsse. Schließlich zeigt sich doch noch eine kleinere Wildschweinrotte, die langsam über die Lichtung zieht. Acht Schweine sind es. Der Jäger der MA49 zielt kurz, drückt ab und erlegt ein Tier. Das bleibt seine Ausbeute des Tages.

Unten beim Eingang stehen bereits mehrere Kühlwägen, in denen die Tiere zu Wildbrethändlern und in Restaurants gebracht werden. Und hier kommt schließlich auch der Bürgermeister ins Spiel. Nicht als Jäger, weil Michael Häupl keine Jagdkarte besitzt. Er sei eher ein Esser, ließ der Bürgermeister wissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2011)

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