Unter Burschen: Im Walzertakt nach rechts

Medien waren zum WKR-Ball nicht geladen. "Die Presse" hat sich trotzdem umgesehen. Eine Ballkritik.

Unter Burschen Walzertakt nach
Unter Burschen Walzertakt nach
(c) EPA

Die Besonderheit eines Burschenschafterballs zeigt sich auch in der Diskothek. Ungefähr 200 Männer stehen in der Hofburg, im sogenannten „Studentenbeisl“, in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Mit Damen flirten, neue Mädchen kennenlernen? Eher nicht. Denn die vergleichsweise wenigen Frauen auf dem Ball sind meist in Begleitung unterwegs. Egal. Es geht den Ballbesuchern vermutlich sowieso nur um das eine: neue Verbindungsmitglieder kennenzulernen und sich unter gleich Gesinnten über Politik und Lebenseinstellung auszutauschen – mitten in der Öffentlichkeit.

Der Wiener Korporationsball 2012. Das ist auf den ersten Blick eine Ansammlung von sehr jungen oder eher alten Herren, die in schwarzen Anzügen und bunten Käppchen („Deckeln“) in den Sälen der Wiener Hofburg plaudern.

Wunden als Statussymbol. Auffallend sind die vielen Deutschen unter den Besuchern und die vielen Schmisse im Gesicht. Fast jeder Zweite hat eine lange Narbe. Einige davon sind mehrere Millimeter tief. Andere Besucher wiederum haben erst vor Kurzem ihre Mensur gefochten. Stolz präsentieren sie ihre frisch genähten Wunden – zum Teil zehn Zentimeter lange Schnitte, die mit durchsichtigen Pflastern abgedeckt sind. Wunden als Statussymbol. Wunden als Zeichen, dazuzugehören.

Und das ist, was in dieser Nacht zählt. Gemeinsam gegen die anderen. Schon zu Beginn des Abends hat jeder Besucher eine Geschichte über seine abenteuerliche Fahrt in die Hofburg parat. Ein Besucher lässt sich im Zehnminutentakt Neuigkeiten zu den Straßenblockaden der Demonstranten vor dem Tor schicken. Ein anderer erzählt stolz, wie er den Protestierenden vom Taxi aus mit Champagner zugeprostet hat.

Als einen Angriff auf die Meinungsfreiheit bezeichnet FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bei seiner Eröffnungsrede die Ausschreitungen. Das Publikum – offiziell 3000 Menschen, gefühlt gerade einmal 2000 – klatscht begeistert. Unter ihnen hochrangige ausländische Gäste aus dem rechten Lager: Marine Le Pen, Chefin des französischen Front National, Kent Ekeroth von den „Schwedendemokraten“ sowie Philip Claeys vom belgischen Vlaams Belang treffen hier zusammen. Von den heimischen Politikern sind der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf anwesend, der EU-Abgeordnete Andreas Mölzer (FPÖ) und natürlich FPÖ-Klubchef Johann Gudenus sowie dessen Vater John. Mutig zeigte sich der Nationalratsabgeordnete Elmar Podgorschek, er kam in grauer Militäruniform, auch wenn Verteidigungsminister Norbert Darabos das im Voraus verboten hatte.

Aber es ist nun einmal die Optik, die diesen Abend bestimmt. Männer, die keine Verbindungsfarben tragen, werden höflich, aber bestimmt aus zufällig entstandenen Gesprächen ausgeschlossen. „Du bist keiner von uns“, scheinen die Gesichter zu sagen. Das gilt nicht für Frauen. Sie werden zuvorkommend behandelt, stößt einer versehentlich bei einer Dame an, wird sich der Rempler entschuldigen. Keine Ausnahmen.

Trotzdem ist die Feindlichkeit gegenüber anders Gesinnten sichtbar. Die Ballbesucher nehmen sich kein Blatt vor den Mund: „Dieser schwule Aktivist heute, der ist so ein Weichei“, sagt ein bärtiger Mann. Die „linken Demonstranten“, die „Hetzer“ sind auch noch zu später Stunde immer wieder Gespräch des Abends.

„In Österreich ist einfach vieles möglich, was in Deutschland nicht geht“, wird ein Ballbesucher aus Deutschland später sagen. Als „Rechter“ könne er sich nämlich in Österreich politisch engagieren. „Die FPÖ ist in dieser Hinsicht ein absolutes politisches Vorbild“, sagt er. Jetzt überlegt er, nach Österreich auszuwandern. Dabei hält er sich selbst für moderat. Gegen gut integrierte Ausländer habe er nichts. Nur die, die nicht deutsch sprechen und keine Arbeit haben, gehören sofort abgeschoben. Auch wenn es Kinder sind? Auch wenn es Kinder sind! „Die werden ja irgendwann erwachsen.“ Dann fragt er höflich, ob er noch ein Getränk spendieren kann.

Nein. Es ist spät geworden. Um drei Uhr in der Früh verlassen die meisten Gäste das Haus. Beim Ausgang steht noch immer ein Polizist in Uniform und bewacht die Tür. Eine Frau fragt: „Ist es sicher?“ Der Mann nickt. Die Besonderheit eines Burschenschafterballs ist auch am Ende noch bemerkbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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