Tirol: Tiermedizin für "sexuell übererregte" Heimkinder

Auch an der Innsbrucker Kinderpsychiatrie soll es Experimente mit Heimkindern gegeben haben, berichtet ein Historiker. Die Kinder sollen mit Tiermedizin und Röntgenstrahlen behandelt worden sein.

Experimente Heimkindern auch Tirol
Experimente Heimkindern auch Tirol
Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com (BilderBox.com)

Nach den Vorwürfen, dass in der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie Kinder absichtlich mit Malaria infiziert worden sind, hat ein Historiker aufgedeckt, dass auch auf der Innsbrucker Kinderpsychiatrie Versuche an Heimkindern gemacht worden sind. Die Kinder seien bis Ende der 1970er Jahre mit Tiermedizin oder Röntgenstrahlen behandelt worden, berichtet das Ö1 Morgenjournal.

"Sexuell übererregt"

Der Historiker Horst Schreiber war Initiator und Mitglied der Heim-Untersuchungskommission in Tirol. Seine Vorwürfe richten sich in erster Linie gegen die bereits verstorbene Psychiaterin Maria Nowak-Vogel, bis 1987 Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie: Sie soll bis Ende der 1970er Jahre selbst Kindern unter zehn Jahren Epiphysan gespritzt haben mit der Behauptung, die Mädchen würden "onanieren" oder seien "sexuell übererregt". Das Mittel wurde in der Tiermedizin ursprünglich zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen getestet und sei als gesundheitsschädlich bekannt. Historiker Schreiber sagt, das Mittel Epiphysan sei seines Wissens nur unter Nowak-Vogl angewandt worden, "weil sie einen Kreuzzug führte gegen die Onanie und gegen sexuelle Übererregtheit".

Ein anderes, fünf Jahre altes Kind sei wegen seines "Jähzorns" mit Röntgenstrahlen behandelt worden, wie Nowak-Vogl laut Schreiber selbst notiert habe - eine Behandlung, die noch aus der NS-Zeit stammt.

Heimkinder als Hauptbetroffene

Betroffen von den Experimenten waren laut Schreiber vor allem Heimkinder. Die Psychiaterin sei mit ihren Gutachten und Diagnosen eine "Schlüsselfigur" gewesen, um Kinder im Heimen unterzubringen. "Sie äußert auch sehr oft die Frage, ob diese Kinder jemals vollwertige Menschen werden können." Die Psychiaterin habe auch den erzieherischen Umgang mit Heimkindern in Tirol geprägt: etwa Bestrafungen und brutales Bloßstellen von Bettnässern gegenüber anderen Kindern.

(Red.)

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