Ungenießbare Waren und Schikanen im Sozialmarkt

Lebensmittel landen nicht mehr im Abfall und die Bedürftigen werden versorgt. Sozialmärkte gelten als Erfolgsmodell. Eine Gruppe von Soziologinnen stellt das aber infrage. Sie berichten von ungenießbaren Waren und Schikanen.

(c) APA (BARBARA GINDL)

Wien. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die eigentlich keiner will: Die Sozialmärkte verzeichnen einen stetig steigenden Zulauf, mitunter warten Menschentrauben vor den Türen der aktuell sechs Wiener Sozialmärkte. Im April soll der siebente Markt – österreichweit sind es mittlerweile 64Geschäfte – in Wien in der Donaustadt eröffnen. Sozialmärkte gelten als Win-win-Modell: Weniger Nahrungsmittel landen im Abfall, Menschen, die an der Armutsgrenze oder darunter leben, können sich günstig versorgen.

Hinter den Türen der Vorzeigeprojekte dürfte es aber nicht immer mustergültig zugehen. Vier junge Soziologinnen haben im Rahmen eines Forschungspraktikums an der Uni Wien zwei Wiener Sozialmärkte – den SMW Favoriten von Alexander Schiel und den Vinzimarkt in Mariahilf, der in der Zwischenzeit nach Favoriten übersiedelt ist – unter die Lupe genommen. Sie berichten von ungenießbaren Waren und Schikanen. Sevgi Kircil, eine der Autorinnen, spricht von „schockierenden Ergebnissen“.

„Die Idee, für geschenkte, teils abgelaufene Waren von armen Menschen Geld zu nehmen, ist merkwürdig“, sagt Kircil. Ihrer Beobachtung nach seien 80 bis 90 Prozent der Waren abgelaufen, auch Fleisch oder Eier. „Frisch sind nur Obst und Gemüse“, sagt die Soziologin, die im Rahmen der Arbeit einige Tage in den Märkten gearbeitet hat. Kontrolliert werde nicht so oft, wie es offiziell heißt, auch das Marktamt drücke ein Auge zu.

 

„Abgelaufen nur in Sonderfällen“

Peter Schnedlitz, der Vorstand des Institutes für Handel und Marketing der Wirtschaftsuniversität und selbst einer der Initiatoren des Vinzimarktes, widerspricht dem. „Abgelaufen sind die Waren nur in Sonderfällen.“ Er spricht von einer „zweiten Chance“ für Artikel, die falsch etikettiert wurden oder aus Überproduktion stammen. Warum diese Waren nicht verschenkt werden? „Es gibt hohe Fixkosten, etwa die Miete. Obwohl viele Freiwillige arbeiten, brauchen wir ein, zwei fixe Mitarbeiter.“ Eine Kernidee des Vinzimarktes sei, dass das Geschäft auch wirtschaftlich sein muss. Es rentiert sich für Hersteller und Händler, die sich so ihre Entsorgungskosten sparen.

Auch der Vinzimarkt schreibt Gewinne, die innerhalb der Vinzenzgemeinschaft zum Beispiel für die Obdachlosenhilfe verwendet werden. Beschwerden, dass Waren ungenießbar seien, habe es nie gegeben, sagt Schnedlitz. In der Forschungsarbeit heißt es, die Preise für Eier oder Gemüse seien teils höher als auf dem Brunnenmarkt. In einem Markt sei ein angeschlagenes, abgelaufenes Ei um 13Cent verkauft worden, ein frisches Ei hätte beim Diskonter 15Cent gekostet. Hartes Brot werde aus schmutzigen Körben verschenkt, frische Ware bleibe im Lager, bis das alte Brot vergriffen ist.

Auch die Stimmung in den Märkten widerspreche der sozialen Gesinnung dahinter, so Kircil. Andere Sprachen als Deutsch würden von manchen Mitarbeitern nicht toleriert, „die sind wie Juden, diese Araber, wollen hier auch noch handeln“, habe eine gesagt, heißt es in der Studie. Eine andere sprach von „Vermummten“ oder davon, dass sie Arabisch sprechende Kunden hinausgeworfen habe. Damit kein Gedränge entsteht, dürfe man in einem Markt nur in eine Richtung gehen. Beim Versuch, eine zweite Runde zu drehen, sei eine Frau angeschrien worden.

 

Ressentiments und Scham

Dass es in den Märkten mitunter zu Spannungen kommt, ist bekannt. Schließlich arbeiten dort unter anderem Langzeitarbeitslose, Menschen, die Sozialstunden leisten müssen oder die nach einem Gefängnisaufenthalt zurück in eine geregelte Arbeit finden sollen. „Man muss bedenken, dass wir uns hier am Rande der Gesellschaft bewegen“, sagt Schnedlitz. Treffen Ressentiments auf unverschämte Klienten, entstehen Konflikte.

„Kunden haben uns gesagt, dass sie sich schlecht behandelt und degradiert fühlen“, sagt Kircil. „Natürlich ist niemand stolz, wenn er im Sozialmarkt einkaufen muss“, sagt Schnedlitz. Die Idee aber sei, nicht mit dem Zeigefinger auf Arme zu zeigen, sondern ihnen eine Möglichkeit zum Sparen zu bieten.

Auf einen Blick

Ressentiments und verdorbene Waren, davon berichten vier junge Soziologinnen in einer Forschungsarbeit über Wiener Sozialmärkte. Gemeinhin gelten diese Geschäfte als soziales und wirtschaftliches Erfolgsmodell, die Autorinnen der Studie kritisieren aber, dass die Kunden der Sozialmärkte für Waren, die von den Herstellern oder Supermärkten verschenkt werden, bezahlen müssen. Die Betreiber der Märkte argumentieren mit den Fixkosten. Ungenießbare Produkte würden nicht verkauft, heißt es.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2012)

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