Alexander Pekarek: Der letzte "echte" Drogist

Salzsäure, Reinigungsbenzin und Mottenkugeln. Der Drogist ist für die kleinen Probleme des Alltags da – Alexander Pekarek sogar trotz Pensionierung.

Alexander Pekarek letzte echte
Alexander Pekarek letzte echte
Alexander Pekarek – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Pulverisierte Mumie, ein bis 1927 zugelassenes Arzneimittel, wird zwar nicht mehr verlangt. Dennoch wundert sich Alexander Pekarek, einer der letzten „echten“ Drogisten, manchmal über die Anfragen seiner Kunden. „Wissen'S, was die verlangen? Ein giftfreies Gift. Da fragst dich schon, aber die Leut sind halt verunsichert“, sagt der freundliche Herr in seiner kleinen Drogerie „Zum Weißen Engel“ in der Liechtensteinstraße in Wien Alsergrund.

Pekarek nimmt die seltsamen Anfragen mit Humor. Denn immerhin müsste er nicht mehr in seinem kleinen Geschäft stehen, dessen Geschichte bis ins Jahr 1904 zurückgeht – die alte Einrichtung erinnert noch daran. Denn Pekarek ist längst in Pension. „Ich darf das Geschäft aber weiterführen. Es läuft nicht mehr so wie früher, aber es läuft. Ich mach das gern“, sagt er. Seine Frau, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist, unterstützt ihn dabei. Wobei sie wohl nichts dagegen hätte, wenn mit dem kleinen Eckgeschäft bald Schluss wäre. „Ich möchte das schon noch fünf Jahre machen. Wenn das meine Frau hört, bringt sie mich um“, sagt er und lacht, um gleich darauf zu beschwichtigen: „Frauen sind was Wunderbares. Ich mein das ehrlich. Sie hat's halt schon mit dem Knie.“


Tüfteln und tratschen. Das macht ihm zum Glück nicht zu schaffen – im Gegenteil. Pekarek muss nicht lange erklären, dass er seine Arbeit liebt und diese ihn auch fit hält. Es reicht schon zuzuhören, wie er darüber spricht. Er schätzt die Vielfalt in seiner Drogerie, mag das Tüfteln und die vielen Entdeckungen der Drogisten, die das tägliche Leben leichter machen – von der Schädlingsbekämpfung über die Reinigung bis zum Heilkräuterchen gegen allerlei Beschwerden.

Und: Pekarek ist einer jener Kaufmänner, die gern mit ihren Kunden plaudern. Er hat gegen so gut wie jeden Fleck einen Ratschlag und nimmt die Sorgen der Hausfrauen und -männer, die ihn aufsuchen, ernst. Wenn er über seine Kundinnen spricht – und wie sie selbst und ihre Anfragen sich verändert haben – hat man fast das Gefühl, dass auch er sich durch sie verändert und dazugelernt hat.

„Früher, da sind die Hausfrauen von Geschäft zu Geschäft gegangen und haben überall ein bisschen getratscht“, sagt er. Heute, da Einkäufe in Supermärkten oder zumindest Drogerieketten erledigt werden, bleibt dafür nicht mehr allzu viel Zeit. Überhaupt gab es früher 14 Drogerien im Bezirk, heute hingegen zwei. Traurig ist er deshalb aber nicht. Denn die, die zu ihm kommen, kommen trotzdem – auch, um zu wissen, wie es ihm geht.

Noch etwas fällt ihm zu früher ein. In den 1960er-Jahren etwa seien vor Ostern die Lkw mit Bodenwachs beladen gekommen. „Die Frauen haben das steigenweise gekauft und den Boden geschrubbt. Heute fahren's fort“, sagt er, um danach nicht den sonst so üblichen Seufzer anzuhängen, sondern um auszurufen: „Recht haben's! Ich find das fast vernünftiger als die Putzerei Tag und Nacht.“


Salzsäure gegen Schwiegermutter. Heute hingegen sei die Schädlingsbekämpfung bei ihm ein Thema. Einerseits, weil sich die Leute Tipps vom „geprüften Drogisten“ – wie sein Anstecker am weißen Mantel verrät – erhoffen. Andererseits, weil manche Schädlinge einfach mehr werden. „In den letzten Jahren gibt es viel mehr Lebensmittelmotten. Das liegt daran, dass weniger aggressiv gespritzt wird“, sagt Pekarek und wendet sich einer soeben eingetroffenen Kundin zu. Sie benötigt ein Fleckenmittel, weiß aber nicht recht, welches. Der Teppich hat Flecken vom Gummifuß des Keyboards bekommen. „Gnä' Frau, probieren'S es mit Reinigungsbenzin.“ Der nächste Kunde an diesem Donnerstagvormittag ist ein Arbeiter – zwei Dosen Bier in der einen Hand, ein paar Geldscheine in der anderen. „Tag, zweimal Salzsäure bitte“, sagt er. Pekarek kennt ihn offenbar, händigt sie ihm aus, um anschließend zu erklären: „Die gibt's nur gegen einen Giftschein oder das Bild der Schwiegermuter.“ Er lacht.

Richtig ins Schwärmen gerät er, wenn er über die Errungenschaften der Drogisten erzählt. Um die kümmert er sich auch seit ein paar Jahren im Pharma- und Drogistenmuseum Wien in der Währinger Straße. Dort ist nicht nur eine große Herbariensammlung zu sehen – die getrocknete Blättersammlung ist sozusagen das Lexikon jedes Drogisten –, sondern auch eine Reihe an alten Fotoapparaten. „Aus der Drogerie kommt die Fotografie. Früher hat man die Chemikalien nur hier bekommen.“


Läuse im Campari. Neben der pulverisierten Mumie, die früher als Lebenselixier galt, erfährt man im Drogistenmuseum auch von der Cochenillelaus, die etwa Campari und dem Lippenstift die rote Farbe gibt. Oder darüber, dass Schellack aus Exkrementen von Läusen gemacht wurde. Wo viel experimentiert, geforscht und getüftelt wird, kann aber auch einmal etwas danebengehen. Auch das wird im Museum thematisiert. „Jemand hat sich ein Verhütungsmittel patentieren lassen. Das war ein Watteballen mit einem Faden dran. Es hat damals geheißen, den braucht man nur waschen. Ich möcht' gar nicht wissen, wie viel Unglück der angerichtet hat“, sagt Pekarek und schon kommt die nächste Kundin bei der Tür hinein – Typ strenge, ältere Dame.

Sie verlangt nach einem speziellen Mottengift, um ihren Dachboden im Burgenland auszuräuchern. „Das hab ich leider nicht mehr, das ist gesetzlich verboten“, erklärt er freundlich. Die Kundin will das nicht hören und drängt: „Sie haben doch sicher noch etwas übrig. Deshalb komm ich ja extra zu ihnen.“ Dass auch er sich nur an die Gesetze halten kann, enttäuscht sie. Der Drogerist bleibt gelassen. Und wundert sich längst nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2012)

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