Stadtfest: Der Rest vom großen Fest

Einst sollte das Wiener Stadtfest die triste Stadt beleben. Daraus wurde ein riesiges buntes Spektakel, ein Wegbereiter der Kulturszene.

Rest grossen Fest
Rest grossen Fest
(c) APA (HERBERT OCZERET)

Und wieder Wolken. Wie in den vergangenen zwei Jahren scheint die ÖVP an ihrem Festwochenende kein Glück mit dem Wetter zu haben. Samstagvormittag, der graue Himmel passt zur Stimmung auf dem Heldenplatz. Zwischen schwarz-gelber Parteiwerbung eröffnet ein Moderator das Fest. Das Publikum – spärlich verteilt auf Heurigengarnituren – nimmt es gelassen. Verhaltener Applaus. Wenige Meter weiter, im Burghof, ist ein Waldparcours für Kinder aufgebaut, über den benachbarten Michaelerplatz wird wenig später eine Blaskapelle marschieren.

Das Wiener Stadtfest ist geschrumpft. Gefeiert wird nur an einem Tag – und nur im Grätzel um den Heldenplatz. Die Stadt Wien hat ihre Subventionen heuer auf 350.000 Euro halbiert. Schließlich brauchen die Grünen Geld für ihre eigenes Kulturprojekt, eine „Wienwoche“ im Herbst. Dafür hat die Stadtregierung auch beim Donauinselfest gekürzt. Freilich nur marginal.
Alf Krauliz ärgert das. Im Griensteidl – von draußen hört man die Blaskapelle – nennt der Erfinder des Stadtfestes die Vorgangsweise der Stadtregierung „skandalös“, „kindisch“, „ein Armutszeugnis für die Stadt“. Schließlich, so sagt er, habe dieses Fest einst Wiens Kulturleben geprägt wie kein anderes.

Die ganze Stadt ein Zirkus. Damals, in den 1970er-Jahren, als die Wiener Kulturszene nach einem kurzen Aufschwung durch die Besetzung der Arena wieder erstarrt, die Innenstadt ausgestorben, das einzige Fest der Maiaufmarsch der Sozialisten war. Wochenende, das hieß für Städter damals Flucht aufs Land. Die ÖVP, besonders Wiens Parteichef Erhard Busek und seine „bunten Vögel“ wollten die Stadt beleben, dem roten Maifest etwas entgegensetzen. Also erdachte Busek gemeinsam mit Krauliz, einem damaligen Protagonisten der Arena-Besetzung und Musiker, das Stadtfest.

„Eine Punk-Band hat Am Hof gespielt, fast daneben ist ein Männerchor aufgetreten“, erzählt Krauliz vom ersten Fest. 15 Bühnen, in jedem Café eine Lesung, in jedem Hof eine Inszenierung, in zwei Dritteln der Stadt kam man kaum voran, so viele Besucher, die ganze Innenstadt ein Zirkus, schwärmt er von der Blütezeit in den 80er-Jahren.

„Heute sind die Stadtfeste in Österreich im Eimer. Das Konzept – eine Pop- und eine Jazz-Bühne, eine Kinderecke und Gastronomie war 1978 neu. Heute ist das so was von antiquiert.“ Dass Wien eine der Städte mit der lebendigsten Lokal- und Kulturszene Europas sei, davon bemerke man rund um den Heldenplatz nichts. „Es ist ein Spiegelbild dessen, was an parteipolitischer Vision nicht da ist.“

Parkpickerl und Fendrich. Die „Highlights“, das sind heuer ein Auftritt von Rainhard Fendrich und den Rappern „Trackshittaz“. So sieht man das in der VP. „Natürlich ist das etwas anderes als Kruder und Dorfmeister im Vorjahr“, sagt Manfred Kling, der in der Wiener ÖVP für das Stadtfest verantwortlich ist.

„Das gekürzte Budget macht es nicht leichter.“ Das geschrumpfte mittelmäßige Fest als Synonym der gebeutelten Wiener ÖVP? So will er das nicht sehen. „Die Stimmung in der Partei ist viel besser, als sich vermuten lässt“, sagt Kling. Auch, weil man, wie er meint, mit dem Thema Parkpickerl zuletzt punkten konnte. Auf dem Fest will die VP Unterschriften gegen die neuen Parkpickerlzonen sammeln. Vom großen künstlerischen Spektakel hat sich dieses Parteifest aber weit entfernt.

Für Erhard Busek ist das heutige Stadtfest eine „Erinnerung an jene Zeit. Es war eine ganz andere Zeit, es ging darum, die Stadt zu beleben. Das Ziel haben wir erreicht, heute gibt es jede Menge Feste“, sagt Busek heute. Aber (keine Kritik, nur eine Anregung, betont er): „Man sollte nachdenken, was man daraus machen könnte.“ Das sei jedoch nicht mehr seine Zuständigkeit.


Busek zieht Ziel erreicht. Zuständig ist auch Krauliz, der das Fest 18 Jahre lang veranstaltet hat, derzeit nicht. Ideen hätte er. Es gehe um eine „Gesamtkomposition“. Um Kommunikation, Intervention, Mitgestaltung, darum, wie man Räume nutzt“, sagt der Künstler, der auch Intendant des Donaufestivals war. Statt eines beliebigen Fests müsse man Besucher in Spannung halten, durch eine zur Gänze inszenierte Stadt lotsen. Gradmesser für das, was kulturell möglich ist, sind für ihn der Steirische Herbst oder die Ars Electronica.

Den Willen, mit dem Fest neue Wege zu gehen, vermutet er auch in der Wiener VP. Wenn die Partei dahintersteht, dann nehme man ihr auch die Werbung bei so einem Fest ab. „Statt riesige Werbetafeln vor einem kleinen Kulturevent aufzustellen sollte man es umgekehrt machen.“ Freilich, für eine Inszenierung der ganzen Stadt fehlt das Geld. Die Hoffnung, dass das Budget wieder wächst, ist noch nicht aufgegeben. 2013 will die VP das 30-Jahres-Jubiläum (zwischendurch ist das Fest ein paar Mal ausgefallen) groß feiern. Und das Budget, das wird dafür neu verhandelt, sagt Kling.

In Zahlen

1978
wurde in Wien zum ersten Mal ein Stadtfest gefeiert. Die Initiatoren, Erhard Busek und Künstler Alf Krauliz, wollten Leben in die damals triste Stadt bringen. Und dem roten Maifest ein eigenes Event entgegensetzen.

In den 80er-Jahren
erlebte das Wiener Stadtfest seine Blüte: Ein buntes Spektakel, bis zu 15 Bühnen, Inszenierungen in diversen Lokalen, Menschenmassen, die eigens mit der Bahn angereist sind.

2012
ist davon wenig übrig. Die ÖVP feiert ihr 29. Stadtfest (zwischendurch ist es einige Male ausgefallen) minimiert, die Stadt hat das Budget halbiert.

Das Stadtfest

Einst das Fest der „bunten Vögel“, ein spektakulärer Zirkus, sollte das Stadtfest Leben und Urbanität in die City bringen. Davon ist heute wenig übrig.

Alf Krauliz, einer der Initiatoren des Fests und langjähriger Veranstalter, empfiehlt dringend ein neues Konzept: eine Inszenierung der ganzen Stadt statt eines beliebigen Fests.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)

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