Kaisermühlen, nach dem Blues

Ernst Hinterberger hat dem Stück Land zwischen Neuer und Alter Donau mit dem "Kaisermühlen Blues" ein Denkmal gesetzt. Was blieb vom Blues? Ein Lokalaugenschein.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die 10er-Stiege gibt es noch, und man möchte meinen, hinter einem Vorhang versteckt sich Frau Kaiser und spioniert den Hof aus. Hausmeisterin Frau Koziber tritt mit ihrem Besen vor die Tür und flirtet mit Gemeindebaucasanova Joschi Täubler. Der „Kaisermühlen Blues“ und seine Charaktere sind freilich längst Geschichte, und doch, manch ein Zeitgenosse zwischen Neuer und Alter Donau mutet an, als hätte ihn Ernst Hinterberger entworfen.

Den Mann zum Beispiel, der seine Einkäufe – vier Paletten Bier, eine Großpackung Toilettenpapier – in eine Mörtelwanne gepackt auf einem Rollwagen hinter sich herzieht. Oder die greise Frau mit tiefbrauner Haut, wie gegerbt, und pinkfarbenem Lippenstift, der Dackel trägt ein gleichfarbiges Brustgeschirr. „Suachst wos?“, ruft ein junger, kahlköpfiger Muskelprotz aus dem Fenster. „Kumst auf an Kaffee?“

Der Schüttauhof, jahrelang Drehort des „Kaisermühlen Blues“, ist an diesem Vormittag fast menschenleer. Fremde fallen auf, schließlich kennt man sich in dem Bau, den in Kaisermühlen jeder nur „Alter Neubau“ nennt.

Es ist nicht die feinste Gegend Wiens, und seit der vor ein paar Tagen verstorbene Autor Ernst Hinterberger dem Grätzel mit seinem „Kaisermühlen Blues“ ein Denkmal gesetzt hat, wähnt wohl jeder zwischen Boden- und Neusiedler See eine Schar lustiger Trinker, charmanter Gauner oder neugieriger Pensionistinnen in diesen Bauten.


„Viel Liebe zu den Menschen.“ „Die Serie hätte überall spielen können“, meint Ruth Becher. „Allein im Goethe-Hof gibt es 750 Wohnungen, das ist wie ein Dorf, es gibt alle möglichen Menschen, auch komische, wie überall.“ Sie selbst hat 30 Jahre im Goethe-Hof, dem größten der acht Gemeindebauten Kaisermühlens, gelebt, sitzt seit Jahren der SPÖ Donaustadt vor und im Nationalrat. „Die Leute haben das damals sehr positiv aufgenommen. Er (Ernst Hinterberger, Anm.) hatte viel Liebe zu den Menschen, er hat sie dargestellt, wie sie sind. Mit ihren Schwächen, aber niemand ist wirklich schlecht weggekommen.“

Hinterberger hat der heute ruhigen Gegend so zu Ruhm verholfen. Cafés wie aus einer anderen Zeit, tätowierte Frauen und Pensionisten, die sich auf der Straße grüßen, leben dort. Einst lag Kaisermühlen rechts der Donau, seit der Regulierung in den 1870er-Jahren links. Damit verschwanden die namengebenden Schiffsmühlen, stattdessen kamen Industriebetriebe, man nannte die Insel der einfachen Arbeiter „Hungerinsel“. Zwischen den Kriegen entstanden die großen Gemeindebauten.

In einem davon, dem Schüttauhof, spaziert „Herr Josef“, wie er genannt werden möchte, zum Supermarkt. „Damals hab ich mich manchmal geärgert, wenn die Leute zum Schauen gekommen sind. Wenn sie geglaubt haben, da leben nur Depperte“, sagt er. Damals – gedreht wurde von 1992 bis 1999 – sei das regelmäßig passiert. Noch heute tauschen sich Fans online aus, planen gemeinsame Ausflüge nach Kaisermühlen. Mit jeder Ausstrahlung – aktuell laufen auf 3sat immer wieder Folgen – findet eine neue Generation den Blues.

Eine Serie prägt die Identität. „Die Serie hat sich in die Identität der Kaisermühlner eingeprägt“, sagt Becher. Verändert hat sich seither wenig. „Eine dörfliche Struktur, aber doch Stadt, die Insellage, das ist begehrt“, sagt Becher. Wer dort eine Gemeindewohnung ergattert, der bleibt. Rund 10.600 Menschen leben heute zwischen Alter und Neuer Donau. Dieses Gebiet umfasst Kaisermühlen – auch wenn man damit landläufig nur die Gegend zwischen Wagramer Straße, Am Kaisermühlendamm und den Nebenarmen der Alten Donau meint. Jenes Grätzel, das sich dank der eigenwilligen Basilika, des Schüttauhofs oder des Polizeistegs ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat.


Liebenswerte Skurrile. Auf der anderen Seite des Polizeistegs saß Ernst Hinterberger lange Jahre im Sommer vor seiner Kabane im Gänsehäufel und schrieb an seinen Figuren. An skurrilen Männern und Frauen, vielleicht derben, einfachen Gemütern, aber charmant und liebenswert. „Na, ihr versteckt's euch heut'. Is koid, ge? Jo, mir is ah koid“, diesen Singsang richtet ein alter Mann an die Fische, während er über den Steg spaziert. Und man meint, Hinterbergers alten Herrn Kudrnac zu seinem Hund „Bezirksrat“ sprechen zu hören...

Grafik: Die Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)

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