Ute Bock: Zores mit den Nachbarn

Seit Flüchtlingshelferin Ute Bock nach Favoriten gezogen ist, beschweren sich die Anrainer über Lärm und Kriminalität. Für sie selbst läuft es "seltsamerweise gut".

Bock Zores Nachbarn
Bock Zores Nachbarn
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Wien. Der Zuschauer muss sich auf dem Fußballfeld erst einmal orientieren. Da rennen und kicken die Spieler und Spielerinnen quer über das Grünfeld, klatschen nach jedem Tor in die Hände oder sind kurz abgelenkt von der Balkanmusik, die aus den Lautsprechern dröhnt. Rund hundert Sportler tummeln sich auf dem Fußballfeld des Wiener Sportklubs in Hernals, das mit schlichten Klapptoren in mehrere kleine Felder unterteilt wird. Die Trikots der einzelnen Teams sind bunt bis schrill, sodass zumindest die Schiedsrichter den Überblick bewahren können.

Bereits zum vierten Mal fand am gestrigen Sonntag der „Ute Bock Cup“ statt, der von den „FreundInnen der Friedhofstribüne“ und dem Wiener Sportklub zugunsten des Vereins Flüchtlingsprojekt Ute Bock veranstaltet wurde. „Ute Bock goes Öko“ ist das heurige Motto, daher wurden beim Sportplatz extra 240 Fahrradständer aufgestellt, das Erdäpfelgulasch sowie der Couscous-Salat mit biologischen Lebensmitteln zubereitet. Und während auf dem Spielfeld ein Mädchen mit Kopftuch den Ball nicht mehr einholen kann, vertreiben sich die wartenden Teams auf der Tribüne ihre Zeit mit Tanzeinlagen. Das Wetter und die Stimmung: Sonnenschein.

 

Anrainer: „Unsittlich begrapscht“

Diese Stimmung würde sich Ute Bock wohl auch in den zehnten Wiener Gemeindebezirk wünschen. Anfang Mai ist sie mit rund 60 Flüchtlingen in die Zohmanngasse 28 gezogen, nachdem ihr der Industrielle Hans Peter Haselsteiner die Immobilie gekauft hatte. (Ute Bock war in diesem Haus bereits tätig, bevor sie in die Leopoldstadt umsiedelte.)

Seitdem laufen manche Nachbarn Sturm: Sie klagen über Lärmbelästigung und befürchten, dass mit dem Einzug Bocks auch die Kriminalität im Grätzel steigen wird. Von „sehr vielen Beschwerden“ berichtet Michael Mrkvicka, freiheitlicher Bezirksvorsteher-Stellvertreter: „Die Anrainer fühlen sich im Stich gelassen.“ Die FPÖ selbst hat eine Umfrage gestartet (70Personen haben teilgenommen): Demnach sind 90 Prozent der Nachbarn gegen das Asylwerberheim.

Als Gründe werden Lärmbelästigung angegeben, Bettelei, zudem würden Frauen und Mädchen „unsittlich begrapscht“, die Gehsteige verschmutzt und Drogen verkauft. Für Aufregung hat auch eine Messerstecherei am Erlachplatz gesorgt: Die Beteiligten waren bei Ute Bock gemeldet, wohnten aber nicht bei ihr. Derzeit bereite man eine Bürgerversammlung vor, sagt Mrkvicka. Mit Ute Bock selbst habe man noch nicht gesprochen – und werde es erst tun, wenn sich auch Vertreter anderer Parteien am Gespräch beteiligen würden.

Aus der SP-Bezirksvorstehung heißt es indessen, dass sich die Beschwerden in den vergangenen Wochen „nicht signifikant erhöht“ hätten. Im Dunstkreis der FPÖ werde versucht, schlechte Stimmung zu verbreiten, der Bezirk hingegen versuche, zu helfen, soweit es geht: „Es ist ja ein privater Verein.“ Und – trotz aller Unkenrufe – sei es doch „überraschend ruhig“, wie Josef Kaindl von der Bezirksvorstehung sagt.

Ein Satz, der von Ute Bock stammen könnte: „Im Haus läuft es seltsamerweise gut“, sagt sie. Von „Wirbel“ könne sie, zumindest im Heim, nicht berichten.

 

„Natürlich auch ungute Leute“

Fast nicht: Kürzlich habe sie zwei Bewohner rausgeschmissen, die betrunken einen Dritten verprügelt hätten. „Natürlich hat man auch ungute Leute“, so Bock. Man müsse aber auch bedenken, dass viele Bewohner vorher obdachlos waren, und da „wäre es unlogisch, wenn sie, nachdem sie ein Zimmer bekommen, gleich einen Blödsinn machen“. Sie werde von den Nachbarn selten angesprochen, um Informationen über das Heim einzuholen. Stattdessen gebe es Beschimpfungen. Aber sie wäre nicht Ute Bock, wenn sie nicht sagen würde: „Ich glaube, dass ich das hinbekommen werde.“

Auf einen Blick

Ute Bock. Ende Mai ist die Flüchtlingshelferin Ute Bock in die Zohmanngasse 28 (WienFavoriten) gezogen. Im neuen Haus – in dem Bock bereits vor ihrem Umzug in die Leopoldstadt gewirkt hatte – können 70 Asylwerber untergebracht werden, derzeit sind es rund 60. Am Sonntag fand zum vierten Mal der „Ute Bock Cup“ statt: Die Einnahmen des Fußballturniers kommen Bock zugute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2012)

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