Interview: „Ohne Glauben verrohen die Menschen“

Der St. Pöltner Diözesanbischof Klaus Küng zum Fall Josef F.

Die Presse: Nach dem Missbrauchsfall von Amstetten stellt sich wieder die Frage der Theodizee: Wie kann ein allmächtiger Gott das zulassen?
Bischof Klaus Küng: Gott hat den Menschen mit Freiheit ausgestattet. Diese befähigt zum Guten, kann aber auch zum Bösen missbraucht werden. Die schrecklichen Geschehnisse in Amstetten zeigen, zu welchen Untaten eine Perversion führen kann, wenn sie mit Intelligenz und gewissen Fähigkeiten kombiniert ist. Das Leiden Unschuldiger ist hier Folge des Bösen. Es gibt unverschuldete Leiden, die – wie für Hiob in der Bibel – zur großen Prüfung werden.


Viele Beobachter fordern jetzt Strafverschärfung bis zur Wiedereinführung der Todesstrafe. Wie lässt sich die christliche Maxime der Vergebung in so einem Fall anwenden?
Küng: Prinzipiell kann man für alles, das wirklich bereut wird, Vergebung erlangen. Bei derartigen Perversionen stellt sich aber die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit: Es kann jemand intelligent und begabt und trotzdem zutiefst gestört sein. So jemand kann sehr gefährlich sein, die Frage der subjektiven Schuldhaftigkeit ist aber nicht einfach. Ich halte das Nachdenken über Prophylaxe für wichtiger als die Verschärfung der Strafe.


Von manchen Medien wird das lange Nicht-Entdecken des Verbrechens auf ein autoritäres System zurückgeführt, das auch im Katholizismus wurzle. Ist das etwas Wahres dran? Küng: Ich habe nicht den Eindruck, dass es hier ein besonders autoritäres System gibt und noch weniger, dass es im Katholizismus wurzelt. Gerade in Niederösterreich gibt es viele Gemeinden mit einem guten Miteinander. Problematisch ist, dass in letzter Zeit durch Ausbreitung der Pornografie, durch Erotikmessen und die Liberalisierung der Sexualerziehung ein sittlicher Niedergang stattfindet. Vielleicht sind diese Tendenzen auch in die Kirche eingedrungen, sodass Gläubige ihre Widerstandskraft verlieren.


Die Kirche ist vielerorts Katalysator sozialen Zusammenhalts; ist das soziale Netz durch den Rückgang der Kirchenmitgliedschaften gefährdet?
Küng:
In der Tat ist die Erneuerung des Glaubenslebens sehr wichtig. Ohne Glauben wird der Egoismus immer stärker, die Menschen verrohen und vereinsamen.

Gibt es von Ihnen Initiativen, dieses „Aufeinander-Schauen“ zu stärken?
Küng:
Die Pfarrgemeinden müssen Gläubigen Heimat bieten, die Bemühungen in Jugendarbeit und Familienbegleitung intensiviert werden. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist es notwendig, ein Sensorium für Probleme in der Familie zu entwickeln. Dafür hat die Diözese Schulungen durchgeführt; das muss verstärkt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)

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