Das Herz der Kirche schlägt am Ende der Welt

Weltkirche. Während in Europa die Zahl der Gläubigen und Priester abnimmt, boomt der Katholizismus andernorts. Doch gerade auf dem Heimatkontinent des neuen Papstes wird er von Freikirchen bedrängt.

Urbi et orbi. Als der neue Papst Franziskus I. der Stadt (urbs), zu deren Bischof er soeben gewählt worden war, und dem Weltkreis (orbis) von der Loggia des Petersdoms aus seinen ersten Segen spendete, bekamen diese Worte plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Den dieser Papst kam erstmals nicht aus dieser Stadt, aus Italien oder zumindest aus Europa, wie all seine Vorgänger in den Jahrhunderten zuvor. Er kam, wie er es selbst in seiner ersten, kurzen Ansprache ausdrückte, vom „Ende der Welt“.

Noch nie war bei einem Konklave so viel orbis in der urbs gewesen. Die europäischen Kardinäle dominierten die Wahl-Versammlung zwar ein weiteres mal, allerdings nur mehr äußerst knapp: 60 der 115 Kardinäle in der Sixtina kamen aus Europa. 19 der Purpurträger sind aus Lateinamerika, 14 aus Nordamerika, immerhin elf sind Afrikaner, und zehn Asiaten und einer Australier. Langsam, sehr langsam, nähert sich also auch dieses exklusive Wahlgremium der katholischen Realität an. Und die sieht so aus: Nur ein mageres Viertel der 1,2 Milliarden Katholiken lebt in Europa. Alleine 40 Prozent hingegen in Lateinamerika, immerhin 15 in Afrika.

Priestermangel vs. Angebot

Vorbei sind die Zeiten, als das katholische Europa Missionare in die Welt der „Heiden“ schickte, um sie zum rechten Glauben zu bekehren. Heute ist es umgekehrt: Heute trifft man in immer mehr Pfarren in Europa auf Priester aus den einst missionierten Ländern. Es ist schlicht eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage: In den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ herrscht das Angebot – man kann etwa in manchen Regionen Afrikas von einem wahren Sturm auf die Priesterseminare sprechen – im alten Europa herrscht qua Priestermangel die Nachfrage. Und die halb leeren Kirchen, auf die diese kirchlichen Schlüsselarbeitskräfte in Europa stoßen, sind etwas, was sie aus ihrer Heimat nicht kennen. Dafür haben sie mit Problemen anderer Art zu kämpfen.

Lateinamerika. So stark sich die katholische Kirche in den Ländern südlich der USA auf den ersten Blick präsentiert, auch sie ist in Bedrängnis: nicht vom Säkularismus allerdings sondern von den zahlreichen und sehr aktiven evangelikalen Kirchen und Freikirchen, die ihrerseits ein sehr heterogenes Spektrum bilden. Es sind Millionen von Gläubigen, die Rom auf diese Weise pro Jahr an die Konkurrenz verliert. Eine Konkurrenz, die mit charismatischen Figuren und lebendigen Gottesdiensten um Anhänger wirbt und die katholische Kirche oft alt aussehen lässt.

Doch vereinzelt schlägt sie bereits mit gleichen Waffen zurück: Da ist etwa der brasilianische Padre Marcelo Rossi, der imstande ist, ganze Hallen zu füllen und dessen Radiosendung 15 Millionen Hörer erreicht. „Unser Volk ist dabei, seine religiöse Identität zu verlieren“, klagte er einmal. Dem Einhalt zu gebieten, ist seine Mission.
Die Beziehungen zwischen dem Vatikan und seinen Dependancen in Lateinamerika waren nicht immer friktionsfrei: Gerade der Benedikt XVI. machte in seiner früheren Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation den Befreiungstheologen das Leben schwer. Immerhin führte ihn seine erste Reise als Papst ins nichteuropäische Ausland nach Brasilien.

Afrika. Das größte Problem der katholischen Kirche auf dem schwarzen Kontinent lässt sich in zwei Abkürzungen ausdrücken: HIV und Aids. Auf der einen Seite ist da die reine römische Lehre zum Thema Kondom. Auf der anderen Seite ist die Realität der sich stetig – übrigens auch unter Priestern – ausbreitenden Seuche. Kevin Dowling, der Bischof im südafrikanischen Rustenburg, attestierte schon 2003 der Kirche „Blindheit gegenüber der Lebenswirklichkeit von Millionen von Armen“, die in Afrika „wegen dieser Krankheit leiden und sterben.“ Dowling tritt für Verwendung von Kondomen ein – und hat seinen Job noch immer.

Wer in Afrika und darüber hinaus die vage Hoffnung hatte, Benedikt XVI. würde als Papst von der Meinung des Glaubenswächters Ratzinger abweichen, wurde auf des Papstes Afrika-Reise 2009 auf den Boden der Realität zurückgeholt: Der Gebrauch von Kondomen sei keine Lösung, sondern würde das Problem nur verschlimmern, sagte Benedikt damals.

Dem Zulauf zur katholischen Kirche tut dies alles keinen Abbruch: Die Zahl der Katholiken in Afrika steigt weiter rasant an, alleine zwischen 2002 und 2010 ist sie um 21 Prozent gewachsen, so stark wie nirgendwo sonst. Dies liegt auch an ihrem sozialen Engagement: Sie springt dort ein, wo der Staat versagt. Und sie sieht flexibel darüber hinweg, dass viele Menschen ihre naturreligiösen Bräuche beibehalten und neben dem Besuch der Sonntagsmesse sicherheitshalber noch ihren traditionellen religiösen Führern huldigen.

Asien. Auch hier wächst die katholische Kirche stetig. Von 2010 auf 2011 war allein die Zahl der Priester um fast 1700 gestiegen. Noch immer sind die Philippinen, wo sich vier Fünftel der Menschen zum Katholizismus bekennen, das Bollwerk Roms in Asien, interessant ist aber das Wachstum in anderen Ländern, sogar in China, wo es jedoch eine Spaltung gibt: in die vom Regime geduldete „Patriotische Kirche“ mit etwa fünf Mio. Anhängern und der Rom-treuen Untergrundkirche, der etwa die doppelte Anhängerzahl zugemessen wird. Die Lage der Katholiken in China zu verbessern war ein großes Anliegen von Papst Benedikt XVI. Eine Aufgabe, die er seinem Nachfolger Franziskus I. hinterlassen hat, dem „Papst vom Ende der Welt“.

("Die Presse" Printausgabe vom 14.3.2013)

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