Religion: Lügen im Namen des Allmächtigen

Ist die „Verkleidung“ der Wahrheit im Islam erlaubt – oder sagen das nur seine Gegner? Der islamkritische Publizist Raddatz erklärt, dass die „Gestaltungsmittel der Täuschung bereits von Allah und seinen Propheten vorexerziert wurden“.

(c) AP (Emilio Morenatti)

Wem glauben? Am Samstag stimmt die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, die offizielle Vertretung der im Land lebenden Muslime, über eine neue Verfassung ab. Prompt warnt eine andere muslimische Gruppierung, das Islamische Informations- und Dokumentationszentrum, die den Verfassungsentwurf ablehnt, die österreichischen Behörden: Trotz seines Lippenbekenntnisses zum Rechtsstaat habe die Islamische Glaubensgemeinschaft ein Naheverhältnis zu radikalen und islamistischen Organisationen.


„Vom Propheten vorexerziert“

Ein Fall von Taqiya? Wo immer sich muslimische Organisationen derzeit moderat gebärden, zum Rechtsstaat bekennen, Gewalt ablehnen oder für Integration eintreten, ist dieses Wort zur Stelle. Es geistert durch die Internetforen, taucht auf christlichen Websites und in politischen Kommentaren US-Konservativer, ja, sogar in amerikanischen Gerichtsurteilen auf. Aufgrund der Taqiya ist einem Muslim grundsätzlich nicht zu trauen, lautet das Argument. Taqiya – beziehungsweise türkisch Takiye geschrieben – sei ein Freibrief zur Täuschung der Ungläubigen zum Wohl des Islam, eine religiöse Regel, die einem Muslim erlaube, ja sogar ihn dazu verpflichte zu lügen, wo es für die Ziele des Islam vonnöten sei.

Die Internetseite „Politically Incorrect“ hat sogar eine eigene Rubrik dieses Namens. Dort informieren User über Fälle von „Doppelzüngigkeit“ muslimischer Interessensvertreter oder Politiker. Als „typisch Taqiya“ wird aber auch kommentiert, dass sich ein offenbar muslimischer Taxifahrer nicht an die Preisvereinbarung gehalten hat. Der islamkritische deutsche Publizist Hans-Peter Raddatz erklärt, dass die „Gestaltungsmittel der Täuschung bereits von Allah und seinen Propheten vorexerziert wurden“. Im Forum der deutschen Internetseite „Christliche Mitte“ postet wiederum ein Nutzer: „Der Präsident der Islamischen Gemeinde in Österreich, Anas Shakfeh, behauptete, dass Extremismus und Terrorismus sich nicht auf den Islam berufen könnten. Das ist Takiya, die islamische Heuchelei, pur!“ Es sei höchste Zeit, „dass sich Europa mit der ,takiya‘ vertraut macht“, liest man auch in einem Artikel des deutschen Evangelischen Pressedienstes.


Vorsicht, Furcht, Verkleidung

Europa ist in Wahrheit längst damit vertraut, kaum einer hat wohl nicht schon irgendwo gehört oder gelesen, dass Muslimen das Lügen von Allahs Gnaden erlaubt sei – und fragt sich: Was ist dran?

Ja, was ist dran? Für die westliche Islamwissenschaft war die Frage der Taqiya, wie vieles am Islam, was heute die Öffentlichkeit beschäftigt, nie sehr wichtig. Das zeigt sich allein schon daran, dass bis heute ein Artikel des ungarischen Orientalisten Ignaz Goldziher aus dem Jahr 1906 (!) als wichtigste islamwissenschaftliche Quelle dazu gilt.

Die aktuelle Version der Encyclopaedia of Islam übersetzt den Begriff Taquiya wörtlich mit „Vorsicht“, „Furcht“ oder „Verkleidung“. Und definiert ihn als Erlaubnis, gegen die Pflichten des Islam zu verstoßen, etwa den Glauben zu verheimlichen, wenn der Gläubige dazu gezwungen wird oder seine Existenz sonst bedroht wäre. Einig sind sich auch alle Quellen über die Entstehung dieser religiösen Regel. Sie entstand in den ersten Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten in der von den Sunniten verfolgten schiitischen Minderheit: und zwar als ein Mittel zum Überleben.

Die Schiiten beriefen sich dabei im Wesentlichen auf drei Koranstellen: Sie erlauben in Notsituationen die Verleugnung des Glaubens (Sure 16,106), die Freundschaft mit Feinden des Islam (3, 28) und den Genuss verbotener Speisen. Entscheidend in all diesen Fällen ist erstens, dass die Taqiya nur bei existenzieller Bedrohung gerechtfertigt ist; und zweitens, dass sie von Allah nicht gutgeheißen, sondern nur entschuldigt wird – weil er nicht jedem zumutet, als Märtyrer zu sterben. Das drückt sich auch in der Erzählung von den zwei muslimischen Gefangenen aus, von denen der eine den Märtyrertod wählt, der andere sein Leben rettet, indem er seinen Glauben verleugnet. Mohammed, heißt es da, sagt dazu: „Der Getötete hat seine Herrlichkeit erlangt; Heil ihm! Dem andern hat Gott eine Erleichterung gewährt, keine Züchtigung soll ihn treffen.“ Und bis heute zieht sich durch die Schriften schiitischer Religionsführer die Betonung, dass Taqiya nur bei großer Gefahr (für Leben und Ehre, bei manchen auch für das Eigentum) erlaubt sei.

Viel skeptischer stehen die Sunniten zur Taqiya. Manche dulden sie in Notfällen, manche lehnen sie kategorisch ab und sehen sie sogar als Beweis schiitischer Gottlosigkeit. Die Taqiya ist somit auch ein innermuslimischer Reibebaum, in englischsprachigen sunnitischen Internetforen kann man jede Menge Polemiken gegen die Schiiten finden, die lieber ihre Umwelt täuschen als mutig ihren Glauben bekennen würden.

Trotzdem werden Muslime in Europa immer massiver systematischer Verschleierung ihrer wahren Absichten im Namen der Religion verdächtigt. Und das, obwohl bei weitem die meisten Muslime – darunter die Anhänger der islamistischen Muslimbrüderschaft oder auch der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich Anas Shakfeh – Sunniten sind. Schiiten machen weltweit nach Schätzungen nur zwischen zehn und 25 Prozent aller Muslime aus, in Österreich nur zwischen drei und zehn Prozent.


So perfide wie antisemitische Klischees

Die Rede von der Taqiya ist zum Gemeinplatz populärer bis populistischer Islamkritik geworden, ein sich verselbstständigender perfider Massenmythos, wie früher in Europa antisemitische Klischees. Verteidigung ist sinnlos: Abstreiten der Taqiya wird nur als erneute Bestätigung dafür gesehen.

Dahinter verbirgt sich im Grunde genommen auch eine sehr hohe Meinung von den Anhängern dieser Religion: die Vorstellung, dass Muslime nur unehrlich sein können, wenn es ihnen die Religion erlaubt, und nicht wie „normale“ Menschen einfach aus politischem Interesse, Eigennutz etc.

Dass Islamisten bereit sind, unter „existenzieller Bedrohung“ alles zu verstehen, was nur irgendwie dem weltweiten Sieg des Islam im Wege steht, ist auch nicht verwunderlich. Den Islam hätten sie sich aber in jedem Fall in ihrem Sinne zurechtgerichtet, auch ohne Taqiya. Schuld des Islam? Auch das nur bedingt. Obwohl Jesus die Lüge verdammte, haben die Jesuiten mit ihrer Doktrin der „reservatio mentalis“ die Doppelzüngigkeit bis zur Perfektion getrieben. Mit dem Segen Gottes, selbstverständlich.

TAQIYA. Sunniten vs. Schiiten

Vielfach gilt das Verhältnis zur Taqiya als einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten. Schiiten verweisen gern auf die Geschichte von Ammar ibn al-Yasir, einem der frühesten Bekenner Mohammed. Er wurde gezwungen, die heidnischen Götter zu preisen und den Propheten zu schmähen, Mohammed erlaubte es ihm. Viele Sunniten kritisieren die Taqiya als Ausdruck von Heuchelei und fehlendem Gottvertrauen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2008)

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