Zwischen Ideal und Praxis: Kirche diskutiert Sexualmoral

Ein Arbeitspapier strebt eine "behutsame Aktualisierung" des kirchlichen Umgangs etwa mit Geschiedenen, Homosexualität und Empfängnisverhütung an.

Papst Franziskus bei einer Audienz im Vatikan. Viele Bischöfe sehen Gesprächsbedarf bei Themen über die kirchliche Familienpolitik.
Papst Franziskus bei einer Audienz im Vatikan. Viele Bischöfe sehen Gesprächsbedarf bei Themen über die kirchliche Familienpolitik.
Papst Franziskus bei einer Audienz im Vatikan. Viele Bischöfe sehen Gesprächsbedarf bei Themen über die kirchliche Familienpolitik. – (c) APA/EPA/FABIO FRUSTACI

Die Kluft zwischen kirchlichem Familienideal und Praxis steht im Zentrum des Arbeitspapiers, das der Vatikan im Vorfeld der am 5. Oktober beginnenden Bischofssynode auf Basis einer weltweiten Befragung erstellt hat.

Das im Juni präsentierte "Instrumentum laboris" zeigt den Gesprächsbedarf, den viele Bischöfe etwa zu den Themen wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität oder künstliche Empfängnisverhütung sehen, berichtet Kathpress. Zudem macht es konkrete Vorschläge für eine Vereinfachung von Ehenichtigkeitsprozessen.

Das 85-seitige Dokument, das inhaltlicher Leitfaden für die zweiwöchigen Bischofsberatungen ist, soll eine weltweite Bestandsaufnahme der Lebenspraxis von Katholiken und der sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Kirche bieten, hebt das Synodensekretariat im Vorwort hervor. Es stellt fest, dass die Kenntnis der kirchlichen Positionen zur Familie "allgemein eher spärlich" ist, hätten doch selbst viele Katholiken, denen sie vertraut seien, Schwierigkeiten damit, sie "ganz anzunehmen".

"Behutsame Aktualisierungen"

Als Konsequenz plädieren Bischöfe zu einem Teil für "behutsame Aktualisierungen" oder Änderungen der kirchlichen Praxis. Zu einem anderen Teil geht der Impuls in Richtung besserer Vermittlung der tradierten Lehre sowie Konzentration auf deren wesentliche Inhalte.

Konkret haben etwa für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen laut dem Dokument "einige" Bischofskonferenzen vorgeschlagen, "den Weg zu einer zweiten oder dritten Ehe mit Bußcharakter" zu prüfen. Vorbild könne die Praxis einiger orthodoxer Kirchen sein. Die Nichtzulassung zu den Sakramenten, wie sie die kirchliche Lehre festlege, werde von den Gläubigen nicht verstanden. Die betroffenen Katholiken weigerten sich offenbar ihre Situation als "irregulär" anzuerkennen, so das Arbeitspapier.

Mit Blick auf die kirchliche Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung beschreibt das Papier, dass sie heute von der "vorherrschenden Mentalität als Einmischung in das Intimleben des Paares und Einschränkung der Gewissensfreiheit empfunden" werde. Nach dem Willen etlicher Bischofskonferenzen solle die Synode dabei helfen, "jenseits jeden Moralismus" wieder den "tiefen anthropologischen Sinn der Moral des Ehelebens" zu entdecken.

"Differenziertere Sicht des Phänomens Homosexualität"

Weitere Themen sind etwa Abtreibung, die Unterstützung lediger Mütter, Gewalt und sexueller Missbrauch in Familien, Konsequenzen aus den großen Migrationsbewegungen sowie die Weitergabe des Glaubens an die jungen Generationen in religionsfernem Umfeld. Viele Bischofskonferenzen fordern für die Synode zudem einen Dialog mit den Humanwissenschaften, "um eine differenziertere Sicht des Phänomens der Homosexualität entwickeln zu können".

Widerstand gegen die kirchliche Lehre gebe es unter Katholiken "in verschiedenen Graden", insbesondere gegen die kirchlichen Positionen zu Geburtenkontrolle, Scheidung, Wiederheirat, Homosexualität, Zusammenleben ohne Trauschein, Treue und In-vitro-Fertilisation, so das Dokument. Demgegenüber sei die prinzipielle Lehre über die Würde des menschlichen Lebens "weiter verbreitet" und "auch im größeren Ausmaß anerkannt".

(APA)

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