Scientology: Gut getarnt auf Mitglieder-Suche

Scientology ist in Österreich auf Expansionskurs. Ihre neue Buchhandlung in Wien soll dabei helfen.

Wien. Hübsch ist er, und hübsch gelegen, „Ron's Bookstore“: Gleich hinter der Mariahilfer Kirche in der Barnabitengasse. „Buchhandlung“ steht über einer der Auslagen. „Lebenshilfe“ über einer anderen. Esoterisch klingen die Titel, die hier verkauft werden: „Ehe. Die emotionale Tonskala“. Der Autor: L. Ron Hubbard. In der Auslage daneben Dutzende Ausgaben von „Dianetik. Der Weg zum Glücklichsein“. Der Autor: L. Ron Hubbard. Man merkt schon: „Ron's Bookstore“ ist hier wortwörtlich gemeint: Sämtliche (Hör-)Bücher stammen von Hubbard, dem Gründer von Scientology, die Organisation führt auch den Buchladen. Was man wissen muss. Denn den Namen „Scientology“ findet man hier auch auf den zweiten Blick nicht. Warum? „Es ist naheliegend, dass viele Menschen nicht mit dieser Offenheit auf die Angebote reagieren würden, wenn der Name Scientology ersichtlich wäre“, sagt German Müller von der Bundesstelle für Sektenfragen.

Gut getarnt würde die Organisation von hier aus auf Mitgliederfang gehen, befürchteten Anrainer von Beginn an und beschwerten sich über die Aktivisten, die „aggressiv“ warben und sogenannte „Stresstests“ an Passanten durchführen würden. Davon merkt man heute nichts mehr: Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann konnte Scientology davon überzeugen, die Aktionen aufzugeben. Der Laden hat auch nur sehr unregelmäßig geöffnet.

Die Aufregung ist Scientology-Sprecherin Sonja Henkel „unklar“. Sogar die Bezirksvorsteherin habe positive Rückmeldungen bekommen, was diese bestätigt. Sei sei „sehr, sehr verwundert“ über die vielen Anrufer gewesen, die bei ihr ein gutes Wort für Scientology einlegen wollten. „Die Organisation“, sagt Kaufmann, „ist offenbar gut vernetzt.“

Erfolgreich waren die Anrufer nicht: Kaufmann will sich mit den Schul-Direktoren zusammensetzen. „Es muss eine Infokampagne für die Schüler geben“. Was die „Scientology Kirche Österreich“ (die aber in Österreich nicht als Kirche anerkannt ist) nicht versteht: „Wir ködern keine Jugendlichen. Die sollen sich frei informieren können“.

Auch die Bundesstelle für Sektenfragen bleibt skeptisch. Der Bookstore sei – neben Kampagnen (z. B. „Sag Nein zu Drogen, Sag Ja zum Leben“) – „eine zusätzliche Möglichkeit, Inhalte von Scientology zu transportieren, ohne dass man sofort merkt, dass es sich um Scientology handelt“.

„Den einen oder anderen“ habe man mit den Werbeaktionen gewonnen, sagt Henkel. Dass man auf Expansionskurs ist, „ist nicht zu leugnen“. Laut eigenen Angaben gibt es 5000 bis 7000 Mitglieder. Aussteiger sprechen dagegen nur von 500.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2008)

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