Irak: „Schleichender Genozid“

Mehr als zwei Drittel aller Christen mussten fliehen.

Hier ist alles anders. Im Irak habe ich gespielt. Aber spielen, das kann man hier nicht“, sagt der neunjährige Fawaz mit leiser Stimme. Hier, das ist Jordanien. Vor einem Jahr mussten Fawaz und seine Familie aus dem Irak fliehen. Weil sie Christen sind. Jetzt leben sie in den Slums der Hauptstadt Amman. Ihr Schicksal teilen sie mit 500.000 irakischen Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren in den Nachbarstaat drängten.

Im Irak sahen sie als religiöse Minderheit keine Zukunft mehr: sie werden bedroht, gefoltert und vergewaltigt. Doch auch die Hoffnung auf ein gutes Leben in Jordanien hat sich nicht erfüllt: „Sie leben wie Ratten in ihren Höhlen“, sagt Rienk van Velzen, der Nahost-Sprecher der NGO „World Vision“. Nahrung und Medikamente seien Mangelware, Hilfe ist nur schwer möglich: „Wir wissen oft nicht, wo die Flüchtlinge sind, weil sie sich vor den Behörden verstecken.“

Ihre Situation scheint derzeit ausweglos – zurück in ihre Heimat können sie nicht: „Christen sind im Irak mit einem schleichenden Genozid konfrontiert“, sagt Heinz Hödl von der Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz.

Erst im Oktober mussten 2400Familien vor der Gewalt aus Mossul in das kurdische Autonomiegebiet im Norden fliehen. Hödl befürchtet, dass in anderen Teilen des Landes bald gar keine Christen mehr leben können. Die umstrittene Dreiteilung des Landes in kurdische, schiitische und sunnitische Gebiete wäre faktisch Realität. chs

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2008)