Heinrich Schnuderl: Für Kommunion an Geschiedene

Interview. Der Grazer Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl findet es „sehr verwunderlich“ dass der Vatikan nach vier Jahren noch immer keinen Bischof berufen hat.

Archivbild: Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl
Archivbild: Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl
Archivbild: Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl – (c) Gerd Neuhold

Die Presse: Rechnen Sie damit, wie Benno Elbs in Vorarlberg, als Diözesanadministrator auch Grazer Bischof zu werden?

Heinrich Schnuderl: Nein, damit rechne ich nicht. Ich bin über 71.

Wie sieht das Anforderungsprofil für den Grazer Bischof aus Ihrer Sicht aus?

Es wird notwendig sein, das der neue Bischof mit der territorial größten Diözese Österreichs zu Rande kommt. Die Steiermark ist ein Land an der Grenze, durchaus auch an der Sprachgrenze. Es muss jemand sein, der die Vielfalt nicht nur geografisch, sondern auch, was die Mentalität betrifft, zur Kenntnis nimmt.

Wäre Ihnen ein Steirer am liebsten?

Das muss nicht unbedingt sein. Ich würde mir jemanden wünschen, der mit der steirischen Kirche eine eigene gemeinsame Geschichte hat.

Wie groß ist Ihre Verärgerung, dass die Bischofssuche mehr als vier Jahre dauert?

Verärgerung – lassen wir das dahin gestellt sein. Benedikt XVI., hatte große Wertschätzung für unseren mittlerweile emeritierten Bischof Egon Kapellari, deshalb ist seine Amtsführung auch verlängert worden. Dann ist der Kandidat, der aufgebaut war (Franz Lackner; Anm.), Salzburger Erzbischof geworden. Dass noch keine weitere Entscheidung getroffen wurde, das ist schon sehr verwunderlich. Ich weiß die Gründe nicht, warum das so lange dauert. Ich bin sehr daran interessiert, dass es endlich eine Entscheidung gibt. Wir feiern bald 800jähriges Diözesanjubiläum (2018). Wir haben uns eine Relektüre, ein Wiederentdecken des Zweiten Vatikanums vorgenommen, die wir hoffentlich mit dem neuen Bischof durchführen werden. Es gibt eine große Zahl an Themen, die wir noch gar nicht richtig entdeckt haben.

Was zum Beispiel?

Der jetzige Papst hat auf viele dieser Fragen Bezug genommen, beispielsweise die Friedensförderung. Oder wir müssen lernen, mit der Realität einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. Das ist in Österreich ein Problem. Wir haben uns zu lange darauf verlassen: Österreich ist eh katholisch. Das alte Prinzip, Christen werden nicht geboren, ist uns nicht bewusst gewesen, dass Kirche einladend sein, in den Dialog mit Menschen treten muss, die nicht Christen sind, dass man in jeder Zeit das Evangelium neu verkündigen muss. Da braucht es eine neue Sprache und einen neuen Impuls, den der jetzige Papst gibt. Es geht nicht nur darum, dogmatisch völlig korrekt zu sein. Der Glaube muss auch Freude machen.

Wir müssen auch, was vom Zweiten Vatikanum fast in Vergessenheit geraten ist, das Wort von der Hierarchie der Wahrheiten ernst nehmen. Es ist nicht jede Lehre zentral zu sehen, sondern hat Bezug zur Grundüberzeugung des Glaubens, zur Existenz Gottes und dass Christus auferstanden ist. Wenn man das außer Betracht lässt besteht die Gefahr, dass wir fast sektiererisch werden und uns auf irgendwelche Orchideenthemen festlegen.

Sind Reformen nach dem Zweiten Vatikanum stecken geblieben?

Wir haben uns, was Reformen betrifft, zu lange mit der Innenarchitektur beschäftigt. So wichtig es war, die Liturgie zu erneuern, wir haben außer Acht gelassen, dass wir die Aufgabe haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, oder, wie es der Papst sagt, an die Grenzen zu gehen. Da gehörte auch in der Kirche in Österreich einiges erneuert. Mir ist wichtig, dass wir im Sinne des Mariazeller Manifestes, im Sinne eines sich Nicht-vereinnahmen-Lassens eindeutig Positionen beziehen.

Soll die katholische Kirche also politischer werden?

Natürlich, aber nicht im Sinne der Parteipolitik, und im Wissen, dass wir eine Stimme unter vielen sind.

Franziskus weckt hohe Erwartungen, auch was die heurige Familiensynode beim Thema Geschiedene, die neu geheiratet haben betrifft. Wie kann die Kirche einladender werden, um Ihre Worte zu verwenden?

Ich bin nicht dafür, zu sagen, Scheidung ist egal, kommt alle, wie ihr wollt. Das Sakrament der Ehe ist ein hohes Gut. Aber wenn Menschen eben dieses hohe Gut nicht aufrechterhalten konnten, sollte es Möglichkeiten geben, dass Menschen voll versöhnt mit der Kirche auch am kirchlichen Leben teilnehmen können.

Und Sakramente empfangen können?

Wenn sie ein echtes Verlangen nach dem Sakrament haben, dass sie auch zu den Sakramenten gehen können, ja.

Wie kann man die in der durch den Papst angeordneten Befragung zu Tage getretenen Kluft zwischen Lehre und Praxis bei der Empfängnisverhütung schließen?

Man muss die Realität einmal zur Kenntnis nehmen, in der die Menschen leben. Da haben wir als Seelsorger wahrscheinlich auch zu wenig Ahnung davon. Aber zum Thema Empfängnisregelung bin ich kein Fachmann, etwas dazu zu sagen.

Zur Person

Der Administrator. Heinrich Schnuderl leitet seit Mittwoch die Steiermark als Diözesanadministrator. Seit jenem Tag ist der Grazer Bischofsstuhl verwaist. Franziskus hat das vier Jahre zurück liegende Rücktrittsgesuch Egon Kapellaris angenommen. Schnuderl diente in der drittgrößten Diözese Österreichs als Generalvikar, als rechte Hand des Bischofs. Zuvor hat er vom Kaplan über die Hochschulseelsorge bis zum Pastoralamtsleiter alle Karriereleitern der Diözesen genommen. Er gilt auch selbst als Bischofs-Kandidat – wegen seines Alters (71) jedoch nur mit Außenseiterchancen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30. Jänner 2015)

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