Islam-Gemeinschaft und Aleviten auf dem Scheideweg

Die islamische Glaubens-Gemeinschaft in Österreich begrüßt die Abspaltung der Aleviten, obwohl dies eine Schwächung bedeuten würde. Die Aleviten wollen als Religion anerkannt werden.

Symbolbild: Koran
Symbolbild: Koran
(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

Die Spannungen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGGiÖ) dauern schon Jahre an, nun wollen die Aleviten ausscheren und als eigenständige Religion anerkannt werden. Ein entsprechender Antrag ist am 23. März beim zuständigen Kultusamt eingegangen. Mit zwei Fragen steht und fällt der Antrag: Hat das Alevitentum genügend Mitglieder? Und ist der Glaube vom Islam getrennt zu betrachten?

Bei zweiterer Frage sind sich selbst die Aleviten nicht einig. Für Carla Amina Baghajati von der IGGiÖ ist allerdings klar: Das Alevitentum ist "eine selbständige, anatolische, von dem Weltislam weitestgehend unabhängige Glaubensrichtung". Einige Vereinsführer würden sich nicht als Muslime betrachten. "Wir wollen niemanden vereinnahmen", sagte sie zu "DiePresse.com". Daher begrüße die IGGiÖ den Antrag der Aleviten auf Anerkennung als religiöse Bekenntnisgemeinschaft, sagte Baghajati. "Eine auch juristische klare Trennung kann für alle Beteiligten nur vorteilhaft sein."

Bisher habe die IGGiÖ die Interessen der Aleviten "pragmatisch" vertreten, so Baghajati. Allerdings: Wirkliche Gemeinsamkeiten habe es weder auf der Ebene des Zugehörigkeitsgefühls noch in der gelebten Praxis gegeben. "Sowohl in der Glaubenslehre als auch in der Glaubenspraxis sind Islam und Alevitentum zwei verschiedene Religionen. Als Berührungspunkte bestehen nur minimale, eher äußerliche Merkmale."

16.000 Mitglieder? Möglich

Die Frage, ob die Aleviten genügend Mitglieder haben, um offiziell anerkannt zu werden, konnte Baghajati nicht beantworten. Derzeit sind dafür zwei Promille der Bevölkerung oder etwa 16.000 Mitglieder nötig. Diese Zahl sei durchaus möglich, glaubt Baghajati. Sagen könne man dies aber nicht, da die Aleviten bei der aktuellsten Volkszählung 2001 nicht gesondert erfasst wurden.

Der "Kulturverein von Aleviten in Wien", der den Antrag auf Anerkennung gestellt hat, schätzt die Mitglieder auf etwa 20.000. Allerdings zweifelt der Verein, dass der von ihnen gestellte Antrag durchgeht. Man habe bereits entsprechende Hinweise erhalten, erklärte Vorstandsmitglied Riza Sari. Man werde eine eventuelle Ablehnung aber anfechten und - wenn nötig - bis zum Europäischen Gerichtshof gehen.

Kritik an der IGGiÖ

Bei einer Pressekonferenz wurde der Konflikt mit der IGGiÖ als Motiv für den Antrag genannt. Diese vertrete nur den sunnitischen Islam, sagte Gunther Ahmed Rusznak, Generalsekretär des "Islamischen Informations- und Dokumentationszentrums Österreich" (IIDZ), das den Antrag unterstützt. Sari will mit der Abgrenzung von der IGGiÖ auch erreichen, dass in der Öffentlichkeit die liberalen Kräfte des Islam wahrgenommen werden. "Die anatolischen Aleviten akzeptieren den Koran als Glaubens-, aber nicht als Gesetzbuch", betonte er die laizistische Einstellung.

Sollten die Aleviten Erfolg mit ihrem Antrag haben, würde wohl mehrere tausend Gläubige von der islamischen zur alevitischen Glaubensgemeinschaft wechseln. Von einer Schwächung der IGGiÖ will Baghajati aber nicht sprechen: "Das glaube ich nicht."

(APA/Red.)

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