Irland: Und der Vatikan schweigt

Irische Kirche gerät nach Bericht über Kindesmisshandlungen unter Druck. Mehr als 30.000 Kinder durchliefen die Orte des Grauens, wo sie oft gegen den Willen der Eltern waren.

(c) AP (Peter Morrison)

DUBLIN/LONDON. Wenn die irische Regierung kommenden Dienstag zu einer Sondersitzung zusammentritt, wird sie ausnahmsweise nicht die katastrophale Wirtschaftslage diskutieren. Das Thema wird allerdings noch weit unangenehmer sein: Der diese Woche vorgelegte Bericht über systematischen Kindesmissbrauch in mehr als 100 Schulen und Heimen der katholischen Kirche in Irland.

Auf 2600 Seiten entsteht ein Bild der Zeit 1914–1990, das an Berichte von Gulag- oder KZ-Opfern erinnert. Mehr als 30.000 Kinder durchliefen die Orte des Grauens, wo sie oft gegen den Willen der Eltern waren. Von „einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“ sprach Vizepremier Mary Coughlan.

 

Prügel, Hunde, Sexattacken

„Stoßen, schlagen, treten, auf die Handflächen mit einem Stock geschlagen werden, auf einem Haken hängend geschlagen werden, mit kaltem Wasser niedergespritzt und geschlagen werden, nackt verprügelt, vor die Hunde gehetzt werden“ – die Liste der Torturen findet ebenso wenig ein Ende wie jene der sexuellen Gewaltakte, denen Buben und Mädchen über Jahrzehnte ausgesetzt waren; „im Schlafsaal, in Autos, in Badezimmern, in der Kirche, in der Sakristei“. Kinder ab sieben wurden zur Zwangsarbeit, vorzugsweise dem Knüpfen von Rosenkränzen, genötigt.

Mehr als 800 Geistliche, Männer wie Frauen, werden der Verbrechen angeklagt. Dass sie straffrei davonkommen sollen, erregt die Iren genauso wie die brutalen Details des im Zeitraum von neun Jahren erstellten Berichts, für den man 1700 Zeugen befragte. Der Staat wusste – und schwieg. Die „Christian Brothers“, die das Gros der Horrorheime betrieben, hatten nämlich die Anonymisierung der Vorwürfe erzwungen. Und wie üblich steckte die Regierung angesichts einer Drohung der Kirche zurück.

Ebenso bei der Frage der Entschädigung: Fast 1,3 Milliarden Euro sollen an die Opfer, die heute zwischen 50 und 80 sind, bezahlt werden. Von der Kirche kommen davon nur 129 Millionen Euro. Während die Regierung diesen 2002 heimlich vereinbarten Deal verteidigt und die Kirche „keine Absicht zur Revision unserer Position“ erkennen kann, wird beiden ihre Uneinsichtigkeit zunehmend zum Verhängnis. Der Ansehensverlust der Kirche ist immens.

 

Kirche raus aus der Erziehung?

„Welche Rolle dürfen wir der Kirche in der Erziehung noch einräumen“, fragt die „Irish Times“. Der „Daily Mirror“ fordert: „Ist es nicht an der Zeit, dass die irische Kirche das Kruzifix durchs Hakenkreuz ersetzt?“ Kardinal Sean Brady, Oberhaupt der Katholiken in Irland, äußerte „tiefstes Bedauern“. Doch so feindselig ist die Stimmung, dass man in Dublin vor allem das vielsagende Schweigen des Vatikan notierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2009)

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