Mandäer auf der Flucht: "In Bagdad haben sie schon unsere Gräber geschaufelt"

Die Geschwister Alkhamisi wurden im Irak verfolgt, weil sie der religiösen Minderheit der Mandäer, auch Sabier genannt, angehören. In Österreich drohen sie am langwierigen Asylverfahren zu zerbrechen.

Mandaean Sabian followers
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(c) AP (ALEXANDER ZEMLIANICHENKO)

Am 17. März 2006 klingelte Rafaat Alkhamisis Telefon. „Bist du Rafaat?“ Er bejahte. „Du dreckiger Mandäer. Ungläubiger. Du bist Schmutz, Abschaum. Konvertiere oder wir werden dich sonderbehandeln.“ Der Anrufer legte auf. Rafaat versuchte das Telefonat zu vergessen. Er war Beschimpfungen und Bedrohung dieser Art von Kind an gewöhnt. Der junge Iraker ist Mandäer, Mitglied einer nicht christlichen und nicht muslimischen religiösen Minderheit.

Mandäer, auch Sabier genannt, sind die letzten Nachfahren der alten gnostischen Religionen des Nahen Ostens. Ihr Glaube vereint jüdische, manichäische und altorientalische religiöse Elemente in sich. Als Anhänger von Johannes dem Täufer, Yahia, wurden sie in der Vergangenheit oft als „Johannes-Christen“ bezeichnet. Doch das ist irreführend, denn Jesus wird im Mandäismus als Schwindler und falscher Prophet betrachtet. Von Yahia stammt die immer wieder vollzogene Taufe in fließendem Wasser als eines der zentralen Rituale. Obwohl die mandäische eine monotheistische Religion darstellt und über ein heiliges Buch verfügt, sprechen einige islamistische Gruppen den Mandäern den Status einer geschützten „Buchreligion“ ab. Das macht ihre Situation im Irak noch prekärer als jene der christlichen Minderheit.

Das hat Rafaat Alkhamisi am eigenen Leib verspürt. Fünf Tage nach dem Telefonat zerrten ihn drei Männer auf einer belebten Straße in ein Auto. Er wurde mit verbundenen Augen in ein Haus außerhalb von Bagdad gebracht. An ein Gerüst gekettet, zogen die Entführer seine Hosen bis zu den Knien herunter. Einer der Männer ergriff eine Schere – und führte eine Zwangsbeschneidung durch. Nach der Tortur wurde Rafaat einige hundert Meter vor einem Krankenhaus ausgesetzt. Er kroch blutüberströmt bis zum Eingang.

Rafaat Alkhamisi, Goldschmied wie traditionell viele Mandäer, wurde 1979 als Sohn eines Goldschmieds in Bagdad geboren. Unter dem Diktator Saddam Hussein verschlechterte sich die Situation religiöser Minderheiten rapide. So erreichte auch die Unterdrückung der von Extremisten als „kuffar“, als „Ungläubige“, denunzierten Mandäer einen neuen Höhepunkt. Doch es kam noch schlimmer: Mit dem Sturz des Regimes im April 2003 und der darauf folgenden Bandenbildung diverser islamistischer Terrorgruppen setzte eine gezielte Auslöschung der Religionsgruppe im Zwischenstromland ein.

Die Berichte von Amnesty International und des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) listen die Repressalien gegen Mandäer auf: Verschleppungen, Zwangsbeschneidungen, Ermordungen, Zwangskonversionen, Vergewaltigungen, Zwangsverheiratungen mit moslemischen Männern. Nur noch schätzungsweise 5000 Mandäer der ehemals etwa 50.000 Mitglieder zählenden Gemeinde sind im Irak verblieben. Der Terror wird auch sie zur Konversion, ins Exil oder in den Tod treiben.

Medikamente als Freunde. Rafaat und seine Schwester Narges harren seit ihrer Flucht aus dem Irak in einer niederösterreichischen Flüchtlingspension aus. Das Warten auf den Asylbescheid hat ihren psychischen und physischen Zustand massiv verschlimmert. Rafaat schüttet einen Sack voller Medikamente auf den Tisch: Psychopharmaka, Schlafmittel, Antidepressiva, Beruhigungsmittel. „Das sind nun meine Freunde“, sagt er. Er schläft kaum. Wenn er träumt, dann immer von Blut. Wenn er wach ist, denkt er an seine Kinder und an seine Frau, die im syrischen Flüchtlingslager auf den Tag warten, an dem eine Familienzusammenführung in Österreich möglich sein wird.

Rafaats jüngere Schwester, Narges Alkhamisi, erhielt am 2. Juli 2006 eine Todesdrohung. Es war die erste und letzte, dann ging alles sehr schnell. Der Brief enthielt die üblichen Parolen, sie müsse konvertieren oder sterben. Kurz darauf drangen drei schwarz gekleidete Männer in ihr Haus in Bagdad ein und zerrten sie am helllichten Tag in ein Auto. Die Tortur, die sie in Händen ihrer Folterer erleiden musste, dauerte zwei Tage und zwei Nächte. Dann wurde auch sie in der Nähe eines Krankenhauses ausgesetzt.

Nach Wien geschleppt. Schlepper organisierten die Flucht für die Geschwister Alkhamisi, eine vier Monate dauernde Odyssee, die sie schließlich 2007 nach Wien führte. Hier wurden sie von den Behörden aufgegriffen. Ihr erster Asylantrag wurde abgelehnt. Somit endete die Flucht nicht im ersehnten Schweden, wo später ihre Eltern, Schwiegereltern und Tanten Asyl erhielten, sondern in Österreich. „Dublin“ wurde den Alkhamisis zum Verhängnis. Das Dublin-Abkommen schreibt vor, dass derjenige Staat für die Behandlung eines Asylgesuchs zuständig ist, in dem ein Flüchtling gefasst und das erste Gesuch eingereicht wurde.

Seit über zwei Jahren warten die Alkhamisis nun auf ihren zweiten Asylbescheid. Dem Tod im Irak sind sie knapp entronnen, die Flucht quer durch die halbe Welt haben sie überstanden, doch das Warten auf den Bescheid und die Trennung von ihren Kindern und Ehepartnern haben sie schwer krank gemacht. Posttraumatisches Stresssyndrom, depressive Schübe, Suizidgefahr. Der Befund des Psychiaters lässt ahnen, was die beiden im Irak erlebten und in Österreich durchmachen.

Zermürbende Einsamkeit. Narges konnte nur eines ihrer Kinder, den dreijährigen Mustafa, auf die Flucht mitnehmen. Der quirlige Knirps hat seine Muttersprache Arabisch mittlerweile verlernt. Im Flüchtlingslager lernte er fließend Armenisch und Russisch. Musti knabbert fröhlich an seinem Apfel, während sein Onkel und seine Mutter, erschöpft von den Erinnerungen, ins Leere starren. Die Hoffnungslosigkeit droht sie zu erdrücken. „Das Warten, die Einsamkeit. Das war schlimmer als alles, was wir im Irak erlebt haben. Doch wir können nicht mehr zurück. In Bagdad, da sind unsere Gräber bereit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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