Schönborn: „Gefahr, dass Religion insgesamt in Gewaltverdacht gerät“

Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit der "Presse": Flucht kann niemanden neutral lassen.

Kardinal Christoph Schönborn.
Kardinal Christoph Schönborn.
Kardinal Christoph Schönborn. – (c) REUTERS

Die Presse: Herbergssuche, Geburt begegnen uns zu Weihnachten fortwährend. Sind Assoziationen zum Flüchtlingsstrom zulässig?

Christoph Schönborn: Sie sind nicht nur zulässig, sie sind notwendig. Wenn wir sagen, dass Gott Mensch geworden ist in einer so prekären Situation wie in Bethlehem und nach der Flucht, ist das Kernbestand des Christentums. Wenn man sich an zentrale Worte Jesu erinnert – „Ich war nackt und du hast mich bekleidet, ich war fremd und obdachlos und du hast mich beherbergt“ – kann das Thema Flüchtlinge gerade zu Weihnachten niemanden neutral lassen.


Es kommen nicht nur Kinder, auch junge Männer, die Ängste auslösen, weil sie unter Umständen einen islamistischen Hintergrund haben könnten.

Sehr viele von diesen jungen Männern sind Vorboten ihrer Familien. Sie haben die Kraft, die Flucht anzutreten und die meisten haben die Hoffnung, ihre Familie nachholen zu können. Natürlich gibt es auch Gefährliche unter den Flüchtlingen. Ich bin kein Experte, um zu sagen, wie groß die Gefahr ist. Paris hat aber gezeigt, dass die Attentäter längst schon bei uns waren. Auch die 130 Jihadisten, die von Österreich nach Syrien gezogen sind, sind zum Großteil hier aufgewachsen. Das Problem ist längst mitten unter uns.


Wie schützt man Kinder vor Radikalisierung?

Die große Herausforderung ist nicht, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern die Integration. Je schneller sie Deutsch lernen, je schneller sie Möglichkeiten haben zu arbeiten, umso weniger besteht die Gefahr, dass zum Teil schon vorhandene Ghettos durch Flüchtlinge verstärkt werden.


Schon jetzt gibt es Probleme mit Integration. Wie nahe sind wir an der Grenze des Möglichen?

Not hat keine Obergenze. Die Aufnahmefähigkeit kann aber an Grenzen stoßen, zweifellos. Das erlebt der Libanon, wo auf 4,2 Millionen Einwohner 1,5 Millionen Flüchtlinge kommen. Da ist die Grenze täglich schmerzhafte Erfahrung.


Österreich ist weit entfernt . . .

Eins ist sicher: Europa wird sich verändern. Österreich hat sich in den vergangenen 40 Jahren bereits massiv verändert. Wir können uns unser Land gar nicht vorstellen ohne Immigranten. Der Anteil der Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Europa gekommen sind, beträgt aber nur knapp zwei Promille der europäischen Bevölkerung.


In Osteuropa sind die Veränderungen aber nicht passiert.

Die sind nur sehr partiell passiert. Diese Länder haben nicht unsere Erfahrung der Immigration gemacht. Was mich nicht hindert, mein Unverständnis auszudrücken, dass diesen Länder die Vorteile der europäischen Integration wollen, aber europäische Solidarität bei der Aufnahme von Flüchtlingen kein Thema ist. Das ist ein echtes Problem.


Zuletzt gab es Diskussionen über islamische Kindergärten. Wie groß ist Ihre Sorge um die Standards dort?

Es ist richtig, genauer hinzuschauen. Aber ich warne vor vorschnellen Schlüssen. Wir machen die Erfahrung, dass in kirchlichen Kindergärten die katholische Ausrichtung vereinbar ist mit religiöser und kultureller Offenheit. Respekt vor anderen Kulturen und Religionen wird selbstverständlich praktiziert und gelehrt.


Könnten durch diese Debatte konfessionelle Kindergärten generell diskreditiert werden?

Die Islamismus birgt die Gefahr, dass Religion insgesamt in Gewaltverdacht gerät und sich Stimmen mehren, die sagen, das Übel ist nicht der Islamismus, sondern Religion als solches. Die sagen, Religion hat Gewaltpotenzial, deshalb halten wir Religion möglichst dem öffentlichen Leben fern. Das halte ich für genauso falsch wie eine Marginalisierung oder Stigmatisierung des Islam.


Wie kann Kindern der Glaube vermittelt werden, wenn Eltern diesbezüglich ausfallen?

Es ist ein deutlicher Verlust an christlicher Grundkultur, christlichem Grundwissen spürbar. Es gibt aber auch eine gegenteilige Entwicklung. Das oft beklagte Verdunsten des Glaubens ist kein irreversibler Prozess.


Wie ist das Jesus-Wort „Werdet wie die Kinder“ mit einem erwachsenen Glauben vereinbar?

Dieses Miteinander gehört zum Christentum. Zum Ausdruck kommt das im Nacheinander der Weihnachtsevangelien: die Weihnachtserzählung mit ihren Hirten und der Krippe – und am Christtag der philosophischste Text der Bibel, der Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2015)

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