Einsamer Kämpfer im Vatikan

Franziskus predigt knapp vor dem 80. Geburtstag gegen Klerikalismus und die "Intellektuellen der Religion". Eine Replik auf die Kritik von Kardinälen?

(c) APA/AFP/VINCENZO PINTO

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat öffentlich bisher zur Kritik an ihm durch vier emeritierte oder versetzte Kardinäle geschwiegen. Manche meinen nun, er habe ihnen bei seiner Predigt in der Morgenmesse eine Antwort gegeben – indem er Klerikalismus und die „Intellektuellen der Religion“ kritisierte.

Kurz die Vorgeschichte: Carlo Caffarra, Raymond Burke und die beiden Deutschen Walter Brandmüller und Joachim Meisner konstatieren nach eigenen Worten Verunsicherung und Orientierungslosigkeit unter den Katholiken. Sie selbst äußern in dem Schreiben offen ihre Zweifel über die vom Papst angeordnete Regelung, dass künftig Geschiedene, die zivilrechtlich nochmals eine Ehe eingegangen sind, im Einzelfall die Sakramente (Beichte, Kommunion, Krankensalbung) empfangen dürfen.

Franziskus meint nun, zur Zeit Jesu hätten die Schriftgelehrten und Ältesten eine Tyrannei ausgeübt: „Sie haben das Gesetz immer neu gefasst, so oft, dass sie zum Schluss bei 500 Geboten landeten. Alles war geregelt, alles.“ Die „Intellektuellen der Religion“, die „vom Klerikalismus Verführten“ gebärdeten sich als Herren über das einfache Volk. Und weiter: Das „intellektualistische, kasuistische, selbst gemachte Gesetz“ sei anstelle der Zehn Gebote getreten. Der heutige Klerikalismus sei etwas Vergleichbares und etwas sehr Hässliches, so der Papst. Manche Kleriker hielten sich für überlegen, würden sich von den Menschen entfernen und hätten keine Zeit, den Armen zuzuhören.

Gleichzeitig wurde am Mittwoch bekannt, dass Papst Franziskus zwei persönliche Mitarbeiter für Flüchtlings- und Migrationsfragen ernannt hat. Es handelt sich um den tschechischen Jesuiten und Menschenrechtsexperten Michael Czerny (60) sowie um den italienischen Migrationsexperten Pater Fabio Baggio (51) – beide Ordensmänner. Sie arbeiten künftig in der neuen Vatikanbehörde für Menschenrechte und Entwicklung, die offiziell am 1. Jänner ihre Arbeit aufnimmt. Franziskus hat angekündigt, die Abteilung für Flüchtlinge und Migranten vorerst persönlich zu leiten.

Die beiden Papstmitarbeiter erhalten je den Rang eines Untersekretärs und gehören damit der Leitungsebene an. Czerny war früher Leiter des Menschenrechtszentrums an der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador und Gründungsdirektor des afrikanischen Aids-Netzwerks der Jesuiten. Baggio war als Migrationsexperte in Lateinamerika und Asien tätig und leitet das Institut für Migrationsfragen an der Päpstlichen Universität Urbaniana.

 

„Happy Birthday“ für den Papst

Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am Samstag war Papst Franziskus am Mittwoch Adressat eines musikalischen Ständchens. Zum Abschluss der Generalaudienz stimmten Hunderte Pilger die italienische Version von „Happy Birthday to You“ an. Franziskus bedankte sich, verwies aber darauf, dass es in seiner argentinischen Heimat heiße, vorzeitige Glückwünsche brächten Unglück. Unabhängig davon werden vom Vatikan unter dem Hashtag #Pontifex80 auf Twitter Glückwünsche für ihn gesammelt. Offizielle Festlichkeiten sind am Samstag indes nicht vorgesehen. (red./kap)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2016)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Einsamer Kämpfer im Vatikan

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.