Missbrauch: Was wusste Joseph Ratzinger?

Papst Benedikt sei zu einer Stellungnahme zu den Vorfällen und seinem möglichen Mitwissen aufgerufen, so Weisner, Sprecher der Kirchenreformbewegung "Wir sind Kirche". Eine Wortmeldung seitens des Vatikans gab es noch nicht.

(c) REUTERS (MAX ROSSI)

München/Berlin/Rom (ag./red.). Der Skandal um den sexuellen Missbrauch zahlloser Schüler an katholischen Einrichtungen vor allem in Deutschland in den 70er- und 80er-Jahren wirft nun lange Schatten auf den Vatikan, genauer: auf den Papst persönlich.

Grund: Wie der Sprecher der Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“ in Deutschland, Christian Weisner, am Wochenende in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur darlegte, sei Benedikt XVI. von 1977 bis 1982 unter seinem bürgerlichen Namen Joseph Ratzinger Erzbischof von München gewesen. „Das waren Jahre, in die zahlreiche Missbrauchsfälle fielen“, so Weisner. Man müsse sich daher fragen, ob der heutige Papst nicht schon damals von solchen Vorfällen gewusst habe – und falls ja, wie er damit umgegangen sei.

Benedikt sei zu einer Stellungnahme zu den Vorfällen und seinem möglichen Mitwissen aufgerufen, so Weisner. Eine solche wäre jedenfalls ein „hilfreiches Zeichen“. Eine Wortmeldung seitens des Vatikans gab es indes am Wochenende nicht.

Der frühere Chorleiter der „Regensburger Domspatzen“, Georg Ratzinger (86), der Bruder des Papstes, klagt in Zusammenhang mit jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsfällen an Chorknaben über „Feindseligkeit der Kirche gegenüber“. Im Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ versicherte der Chorleiter (von 1964–1994), dass er keine Kenntnis von solchen Fällen habe. Die bekannten stammten aus den 50er-Jahren, also vor seiner Zeit. Freilich sprach die Diözese Regensburg noch am Freitag davon, es habe Übergriffe bis 1973 gegeben.

 

Beziehungen Staat-Kirche belastet

Frühere Domspatzen wurden laut „Spiegel“ von Erziehern und Patres missbraucht und mit Gewalt gezüchtigt. Einige seien noch heute in Psychotherapie. Nach Medienberichten hatten Georg Ratzinger und sein Bruder, der Papst, in den letzten Tagen über das Thema im Vatikan gesprochen. Der Skandal, der sich immer weiter ausbreitet (bisher haben sich hunderte Betroffene von über einem Dutzend meist katholischer Schulen und Internaten auch in den Niederlanden gemeldet), belastet die Beziehungen zwischen Kirche und Staat: Bayerns Justizministerin Beate Merk mahnte von der Kirche mehr Kooperation bei der Aufklärung ein; sollte sich zeigen, dass die Kirche der Staatsanwaltschaft Fälle verschweige, werde das Verhältnis Staat-Kirche beschädigt. Merk forderte, die Verjährungsfrist bei solchen Taten auf 30 Jahre zu verlängern.

Bildungsministerin Annette Schavan kündigte Maßnahmen an, um weiteren Fällen sexueller Gewalt vorzubeugen. „Wo immer in Schulen und Internaten der Verdacht besteht, dass Missbrauch und Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen vorliegen, muss es null Toleranz geben und vollständige Aufklärung erfolgen“, sagte die CDU-Politikerin. Um die Anliegen der Opfer zur Sprache zu bringen und die Fälle aufzuarbeiten, forderte die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am Wochenende einen „runden Tisch“.

Auch an der Odenwaldschule in Heppenheim in Hessen, einer weltlichen Eliteschule, soll es seit den 70ern Übergriffe gegeben haben. Laut „Frankfurter Rundschau“ könnte es bis zu 100 Opfer gegeben haben. Zu den Abgängern der Gesamtschule, die ein liberales und freidenkerisches Image pflegt, zählen auch viele Prominente.

 

„Sadistische Patres“ in Vorarlberg?

Unterdessen streift der Skandal auch eine Klosterschule in Österreich: das Privatgymnasium der Zisterzienser in Bregenz. Das Onlineportal des „Spiegels“ zitiert Absolventen des Vorarlberger Vorzeigeinstituts, die von „sadistischen Patres“ – Schlägen mit den Handknöcheln auf den Kopf, versohlen mit Rohrstöcken und sexuellen Handlungen – berichten. „Sie zwangen uns, ihre abartigen Wünsche zu erfüllen“, meint ein 60-jähriger Exzögling. Die Fälle hätten sich in den 60ern zugetragen, jüngere Absolventen wissen aber auch von Fällen bis in die 80er-Jahre.

„Über diesen Dingen lag ein Mantel des Schweigens“, heißt es im „Spiegel“-Bericht. Heute habe die Kirche offenbar nicht mehr genug Macht, um das zu unterdrücken, was man auch schon „vor 50 oder 100 Jahren in jedem Dorf auf dem Land gewusst hat“.

Der Abt von Mehrerau, Anselm Linde, stritt gegenüber dem „Spiegel“ die Vorwürfe nicht ab. „Wir machen uns große Sorgen und schämen uns.“ Er wolle Schülern bei der Aufklärung zu helfen. Allerdings seien alle Patres, die zur Zeit der inkriminierten Vorfälle in den 60ern gelebt hätten, bereits gestorben.

AUF EINEN BLICK

Hunderte frühere Zöglinge in mehr als einem Dutzend meist katholischen Schulen in Deutschland sollen Opfer sexueller Übergriffe gewesen sein. Die Institute gestanden das Gros der Vorwürfe ein. Fälle gab es auch in Holland – und vermutlich in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2010)

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