Erinnerungen eines Altettalers: Die Waagschale tendierte zum Guten - trotz allem

Was ein ehemaliger Zögling des Klosterinternats Ettal in Bayern, das durch den Missbrauchsskandal in Verruf gekommen ist, in seiner Schulzeit dort so alles erlebt hat.

Erinnerungen eines Altettalers Waagschale
Erinnerungen eines Altettalers Waagschale
(c) EPA (KARL-JOSEF HILDENBRAND)

Im Spätsommer 1967 kam ich nach Ettal. Vorgesehen war nur mein älterer Bruder, damals 15, denn im Libanon, wo wir wohnten, bot die Deutsche Schule Beirut nur die Mittlere Reife an, außerdem hatte gerade der Sechs-Tage-Krieg stattgefunden. Unsere Mutter, kriegsbedingt von Ursulinen betreut, war von dem Benediktinerinternat auf Anhieb so begeistert, dass sie mich spontan mitanmeldete.

Als mein nervöser Vater nach drei Monaten – vorher war für die „Bamsen“ in der Sexta kein Elternbesuch erlaubt – im Innenhof nach mir Ausschau hielt, sah er verdutzt, wie ich mich an ihm vorbeiraste. „Hallo, komm runter zum Fußballplatz!“, rief ich ihm zu. Von dem Moment an, gestand er mir oft später, war er beruhigt.

Habe weder Hölle noch Terror erlebt

Neun lange Jahre später, nach bestandenem Abitur, schworen meine Freunde und ich, dass wir auf keinen Fall den Fehler machen würden, alles, was uns angekotzt hatte, binnen weniger Jahre zu verdrängen und zu vergessen, und nur die guten Seiten von etwa 2400 Tagen und Nächten im Internat zu konservieren. Ein Jahr zuvor hatte es einer unserer Klügsten, Johannes, den wir „Professor“ nannten, einem ZEIT-Reporter so verdeutlicht: „Morgens stehe ich mit Scheiße auf, und abends gehe ich mit Scheiße ins Bett.“ Johannes hat das bei den Patres nicht beliebter gemacht – der gute Ruf war in Ettal alles – aber zu dem Zeitpunkt schrieb man bereits das Jahr 1975 und etwas mehr Toleranz war angesagt. Auch bei den Benediktinern.

Wenn ich mir nun einige der Schlagzeilen der vergangenen Woche ansehe („Wie sich der Schulleiter nachts die Knaben holte“ - „Es herrschte absoluter Terror“ - „Für mich war Ettal die Hölle“) dann kann ich nur den Kopf schütteln. Ich habe weder Hölle noch Terror erlebt, wohl aber harte Zeiten. Niemand hat mich je belästigt. Aber es gab Erzieher, die ihre Pädagogik-Kenntnisse anscheinend in einer Boxschule erworben hatten.

Der Präfekt, von dem jeder Ettaler nach spätestens einem Monat schaudernd gehört hatte, war Pater Godehard. „Go“, bürgerlich Max Ibscher aus München, war mit zwei seiner Klassenkameraden in den Ordo Sancti Benedicti (OSB) eingetreten. Die Oberklässler raunten uns zu: Der hat einen Handel mit dem Herrgott gemacht. Hochgradig zuckerkrank, hatten ihm die Ärzte ein kurzes Leben prophezeit. Ibscher, Jahrgang 1932, legte ein Gelübde ab: Sollte er wenigstens seinen 40. Geburtstag feiern, so werde er sein Leben Gott widmen. Der Schöpfer hat seinen Part eingehalten: Godehard starb 1977, im Alter von 45 Jahren.

Kein Altettaler aus den sechziger und siebziger Jahren hat diesen Präfekten vergessen: Kaum ein Tag verging, an dem der hochgewachsene, gutaussehende Pater nicht zuschlug. Nichts war ihm wichtiger als die absolute Kontrolle über uns Zöglinge. Darüber hinaus hatte Godehard noch eine sadistische Ader, die er aber für witzig hielt. Wer beim nachmittäglichen Studium mit anderen tuschelte oder unter der Bank einen Roman las, der hatte Glück, wenn er gerade noch das gezischte „Vorsicht!“ der anderen hörte – denn in der nächsten Sekunde flog bereits ein Pfeil oder ein Puck in seine Richtung. Wie auf Kommando gingen an allen Pulten die braunen Atlanten hoch. Erst als es mal schiefging und einem Schüler ein Spicker in die Augenbraue flog, war Schluss mit lustig.

Wir wussten, dass Pater Godehard unberechenbar war, wenn er seine Insulinspritze nicht richtig dosiert hatte. Mehrere Schüler verließen Ettal, als er Internatsdirektor wurde, in der Annahme, er würde seinen Machtgelüsten nun vollends freien Lauf lassen. Das Gegenteil war der Fall: Kaum hatte er das oberste Amt im Internat inne, wurden seine Zornausbrüche seltener und sein Verhalten insgesamt mäßiger. Als ich mich 1976 verabschiedete, nicht ahnend, dass ich nicht wiedersehen würde, hatte ich Frieden mit ihm geschlossen.

Wenigstens war er kein Heuchler; man wusste, wo man dran war. Im Gegensatz zu einem Typ wie Pater Rupert Sarach, der 1973 eintraf, in Paris studiert hatte und sich als cooler 68er ausgab. Bald fanden wir heraus, was für ein ekelhafter Schleimer dieser Mann war; einer Klapperschlange hätten wir mehr vertraut als Rupert. Auch er hatte ein Flair fürs schnelle Zuschlagen.

Godehards Klassenkamerad war Karl-Heinz Schultz, der den Ordensnamen Pater Magnus erhielt. Magnus, ein bulliger, durchtrainierter Typ (Spitzname: Wadl), hatte praktisch im Alleingang den SSV Ettal gegründet, den Sport- und Schwimmverein. Mein Bruder, dem man im Libanon einen exzellenten Kraulstil beigebracht hatte, warf sich sofort begeistert ins Ettaler Schwimmbecken. Schon im Jahr darauf waren die Mönche stolz auf ihren ersten Oberbayerischen Meister, weitere Trophäen folgten. Zwangsläufig verbringt man viel Zeit mit einem Schwimmtrainer, obendrein nur mit einer Badehose bekleidet. Irgendwann fiel auf, dass P. Magnus bestimmte SSVler besonders gern und innig in den Arm nahm. Die meisten von uns haben sich das verboten, einige ziemlich rabiat (mein Bruder schlug ihn derb zurück) – und danach war Ruhe.

Mein Klassenkamerad Christoph, eine Sportskanone, wie sie im Buche steht, fuhr mit P. Magnus zwei Mal in den Ferien per Fahrrad bis an den Bosphorus. „Nicht einmal“, bestätigt Christoph, inzwischen selbst Vater, sei ihm der Benediktiner dabei zu nahe getreten.

Und doch hat sich offenbar kein Ettaler Pater häufiger des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht als Magnus Schultz. Offenbar wurde es mit zunehmendem Alter immer ärger. Einige Monate vor seinem Krebstod Ende April 2009 tippte er seine Lebensbeichte in den Computer.

Pubertierende Jungs hätten sich zu ihm nachts ins Bett gelegt, der Andrang sei groß gewesen – „nicht einfach für einen Präfekt der Oberstufe“, hinterließ er. Man beachte, wer hier angeblich den aktiven Part gespielt haben soll: Einerseits bekennen, andererseits die Hauptschuld von sich weisen.

Das ist im Grunde das, was ich der Kirche, in die ich geboren wurde, immer schon angekreidet habe: Nie wird eine Schuld ganz anerkannt, immer wird beschönigt, verniedlicht, verharmlost. Sie schlagen sich jeden Tag dreifach vor die Brust – mea culpa – und tun es dann doch wieder.

Kopfnüsse, eine wahrhaft seltsame Wonne der Benediktiner zu Ettal, hätte man doch eher „zum Spaß“ verabreicht, meinte noch letzte Woche ein Pater. Spaß! Pater Laurentius Koch kam mir einmal fröhlich pfeifend auf dem Gang entgegen. Ich grüßte höflich und erhielt dafür eine Nuss: scherzhaft für ihn, schmerzhaft für mich. Besagter Pater Magnus lehrte uns Geometrie. Als er mich – zugegeben: zum wiederholten Mal – beim Schwätzen erwischte, rief er mich nach vorn. Ehe ich mich's versah, donnerte er mir mit einer Holzkugel gegen die Stirn. Ich war einen Moment lang benommen, in der Klasse wurde gelacht. Sein Scherz, mein Schmerz.

„Wem's nicht passt, der kann ja gehen“

Einige Jahre später, wir waren in Klasse 11, wurden auch Laurentius' pädophile Tendenzen bemerkbar. Ich wachte nach einer Samstagsfête um zwei Uhr morgens auf, weil mein Bettnachbar Walter laut fluchte. Im nächsten Augenblick verließ Laurentius, stark angetrunken, eilends unser Vierer-Zimmer, begleitet von Walters' „schwule-Sau-dreckerte“. Anderntags hielten wir Klassenrat und beschlossen, den Vorfall Abt Edelbert zu melden. Laurentius in ein anderes Kloster strafversetzt. Aber niemals wurde offen über solche Vorfälle geredet; alles wurde immer vertuscht.

Regel Nr.1 in Ettal lautete: „Wem's nicht passt, der kann ja gehen.“ Und genau das ist für mich heute der springende Punkt: So gut wie keiner ging freiwillig. Warum nicht? Es hätte Alternativen gegeben. Die Eltern wussten, dass es die Prügelstrafe gab, sie mussten ja einen Schulvertrag unterschreiben. Die Antwort liegt wohl darin, dass die Waagschale für die meisten von uns am Ende mehr Gutes als Schlechtes aufwies. Man konnte unendlich viel Sport treiben. Es gab gute Theateraufführungen. Man lernte, im Chor zu singen. Für mich herrschte, von den letzten drei Jahren mal abgesehen, weil man sich eingesperrt fühlte, nie Langweile.

Ich erinnere mich an wunderbare Mönche. Pater Willibald, unser erster Lateinlehrer: ein herzensguter Mensch und begeisterter Eishockeyspieler – mit Kutte! Pater Athanasius, der mir als erster Pädagoge eine tiefe Abneigung zum Faschismus jeder Art einprägte. Pater Angelus, der mir riet, zu differenzieren und mich anhielt, täglich den Merkur und die Süddeutsche zu lesen, weil „Du dann zwei verschiedene Standpunkte bekommst“.

Vier Jahrzehnte später ist für mich das Grundproblem der Klöster und der Kirche der anachronistische und heuchlerische Umgang mit der Sexualität geblieben. Es flog mal einer aus der Schule, weil er witzelte: „Was hat der Papst 20 Zentimeter unter dem Bauchnabel?“
Damals gab es in Ettal fast hundert Mönche, Männer, die ein dreifaches Gelübde ablegten – Keuschheit, Armut, Gehorsam – und von denen die meisten das erste nicht halten konnten. Der eine hatte eine Freundin, der andere wurde in Bars in Schwabing gesichtet, mancher hatte sogar Frau und Kind. Daran hat sich offenbar nichts geändert. Ich höre, dass ein bekannter Pater im Dorf Ettal heute ein dreijähriges Kind hat, das ihn Papa ruft. Der ganze Ort – 900 Seelen – soll es wissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10. 3. 2010)

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