Missbrauch: Warum die Opfer so lange schweigen

Die Skandale in deutschen katholischen Einrichtungen haben auch in Österreich eine Welle der Aufarbeitung ausgelöst. Angst und Schuldgefühle verhindern, dass Opfer sich früher melden. Jedes zweite bleibt traumatisiert.

Missbrauch Warum Opfer lange
Missbrauch Warum Opfer lange
(c) EPA

Die Welle ist in Österreich angekommen: Nach dem Berliner Jesuitenkolleg, dem Kloster Ettal (Bayern) und dem Internat Heppenheim (Hessen) tauchen nun zunehmend Meldungen über sexuelle Übergriffe in Österreich auf – zuletzt aus den Stiften Admont (Steiermark), Mehrerau (Vorarlberg) und St.Peter (Salzburg) sowie aus anderen katholischen Einrichtungen.

All diesen Übergriffen ist gemeinsam, dass sie vor langer Zeit, im Fall Salzburgs etwa vor 40 Jahren, stattfanden. Dass die Opfer zum Teil erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen, erst jetzt die „Mauer des Schweigens“ durchbrechen, wie es Psychiater nennen, ist allerdings nicht ungewöhnlich. Und auch, dass jetzt gleich mehrere Fälle gehäuft auftreten, hat einen Grund: Ein Anlassfall, wie er zunächst in Deutschland bekannt wurde, zeigt vielen Betroffenen sexueller Gewalt, dass sie mit ihrer Geschichte nicht allein sind. Das wieder ermutigt sie erst, sich als Opfer zu zeigen.

 

Verdrängen und Panikattacken

Dabei sind es bei Weitem nicht alle Opfer, die diesen Schritt wagen. Etwa die Hälfte der Missbrauchsopfer überwindet das Geschehene ohne größere Folgen selbst, sagt Gerichtspsychiater Reinhard Haller. Die andere Hälfte leide darunter, verdränge es zum Teil oder lerne, mit den Folgen zu leben. Und Folgen hat ein solcher Missbrauch in jedem Fall – von Sexualstörungen über niedriges Selbstwertgefühl bis hin zu Panikattacken.

Und doch schweigen viele Opfer weiter – um ihr „normales Leben“ zu schützen und aufrechtzuerhalten. Denn die erneute Konfrontation mit dem Missbrauch kann einerseits dazu führen, dass das Opfer das traumatische Erlebnis erneut durchleiden muss. Andererseits kämpfen viele Betroffene selbst mit Schuldgefühlen – denn den Tätern gelingt es oft, die scheinbare Verantwortung auf das Opfer zu schieben. Und damit geht die Angst einher, dass man mit Sätzen wie „Du hast dich ja nicht gewehrt“ konfrontiert wird.

„Doppelt schuldig fühlt sich das Opfer dann, wenn es sich zum Zeitpunkt des Missbrauchs bereits in einem Alter befindet, in dem bereits Sexualhormone ausgeschüttet werden“, sagt Psychotherapeutin Rotraud Perner. Dann nämlich, wenn der Körper „nicht gehorcht“ und selbst bei einer Vergewaltigung Lustgefühle entstehen. Das führe zu einer Traumatisierung, die dafür sorgt, dass Opfer erst 20, 30 oder mehr Jahre später darüber sprechen können. Eine Zeit, in der das Opfer vier Schockphasen durchlebt: zuerst ein Gefühl der Lähmung, des Sich-tot-Stellens, später das Nicht-wahrhaben-Wollen, das schließlich in Trauer und Depression übergeht. Die letzte Phase ist vom Wunsch nach Rache gekennzeichnet, dem schließlich das Coming-out folgen kann.

 

Schuldgefühle und Scham

Das lässt sich bei sexueller Gewalt beobachten, die in der Familie stattfindet – dort passiert sie in rund 80Prozent aller Fälle –, aber auch dort, wo Autoritäten wie Lehrer zu Tätern wurden. Gerade bei Vorfällen zwischen Geistlichen und ihren Zöglingen kommt hinzu, dass es sich fast ausschließlich um homosexuelle Übergriffe handelt – die bei jungen männlichen Opfern mit zusätzlicher Scham verbunden sind.

„Je länger der Missbrauch angedauert hat, je grenzüberschreitender die sexuellen Handlungen waren und je näher die Person dem Betroffenen stand, desto traumatischer sind die Folgen“, sagt Hedwig Wölfl, Leiterin des Kinderschutzzentrums „möwe“. Das Wiedergutmachen einer solchen Erfahrung sei nicht möglich. Sehr wohl aber könne man die Verantwortlichkeit zurechtrücken: Wer war der Täter? Und wer das Opfer? Und je weniger Angst die Opfer dabei haben müssen, selbst als Schuldige abgestempelt zu werden, desto höher ist die Chance, dass sie mit ihrer Geschichte nach außen gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2010)

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