Neuer Missbrauchsfall: Stift Wilhering als "Hölle auf Erden"

Der 64-jährige Reinhard Gutmann klagt an: Er sei vor mehr als 50 Jahren im Stift Wilhering missbraucht worden. Der heutige Abt Gottfried Hemmelmayr zeigt sich betroffen und will das Opfer treffen.

Missbrauch Stift Wilhering Hoelle
Missbrauch Stift Wilhering Hoelle
Reinhard Gutmann – (c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Es geschah 1959, vor 51 Jahren. Es geschah in einem katholischen Internat im Zisterzienserstift Wilhering. Vor einem halben Jahrhundert musste Reinhard Gutmann als 13-Jähriger - wie er im Gespräch mit der „Presse" berichtet - hungern, stundenlang auf eiskalten Gängen knien und dabei auf den ausgestreckten Händen Bücher balancieren, Schläge mit dem Rohrstock erdulden - und sexuelle Gewalt durch einen Priester erleben.

Gutmann erinnert sich: „Wir lebten in Angst und Schrecken und unter Androhung von Höllenqualen. Es war die Hölle auf Erden, gedemütigt und ständig unter Druck." Für ihn stelle es eine unglaubliche Befreiung dar, dieses Martyrium jetzt endlich an die Öffentlichkeit bringen zu können. Der heute 64-Jährige war von 1956 bis 1959 Internatszögling in Wilhering. Seine Mutter, die nach der Scheidung im nahen Linz gewohnt habe, habe ihn in das Stift „abgeschoben". Gutmann war fast das gesamte Jahr im Internat, meist sogar während der Ferien.

Schüler wie Spielbälle

An den Unterricht, an Ausbildung und Sportmöglichkeiten, im humanistischen Gymnasium erinnert er sich gern. Aber die lange Zeit danach, die Zeit zwischen Unterrichtsende und Unterrichtsbeginn - da herrschte ein Präfekt, ein Priester. Gutmann: „Es war wie eine Strafanstalt, ein Gefängnis. Wir kleinen, zarten Kinder waren dem Präfekten völlig ausgeliefert. Wir waren seine Spielbälle, die er bei jedem kleinsten disziplinären Vorwand brutal quälte."

Tagsüber habe er die Kinder im leeren Schlafsaal mit dem Rohrstock geschlagen, sie mussten sich entblößen. Diese Praxis habe, meint Gutmann, während seiner beginnenden Pubertät zu einer masochistischen Prägung geführt, mit der er zeitlebens zu kämpfen gehabt habe. Nachts sei der Präfekt durch den Schlafsaal geschlichen und habe Schüler bei jeder geringsten Bewegung unter der Bettdecke in sein Zimmer gleich nebenan geholt.

Onanieren vor Präfekten

Gutmann: „Der Präfekt hat mich verdächtigt, dass ich unter der Decke onaniert habe. Ich musste mich ausziehen und ihm vorführen, wie man onaniert. Man hat gespürt und an seiner Körperhaltung gesehen, dass er wusste, dass das nicht in Ordnung war, was er verlangte, und dass er erregt war." In den Wochen danach habe er vor dem Priester noch ein-, zweimal masturbieren müssen - bis zur Flucht aus dem Stiftsinternat. Gutmann: „Ich habe das meiner Mutter erzählt, die das überhaupt nicht interessiert hat. Man hat sich total verlassen gefühlt. Das konnte ich meiner Mutter bis zu ihrem Tod nie vergessen."

Bei ihm habe dieser Terror im Internat einen Identitätsverlust und ein Zerbrechen des katholischen Gottesbildes bewirkt. Bis heute leide er an Depressionen, klagt Gutmann. Wegen der Erfahrung der Hilflosigkeit während seiner Jahre im Internat habe er später den Wunsch entwickelt, groß und stark zu werden: Gutmann wurde im Alter von 47 Jahren zum Senior-Mister-Austria im Bodybuilding gekürt. Nach den Erfahrungen in Wilhering habe ihn nichts mehr schrecken können. Selbst als er in Kuwait wegen Alkoholweitergabe vier Monate in Untersuchungshaft in einem Wüstenbetonbau bei 48 Grad Hitze und Ernährung mit wurmstichigem Reis gewesen sei, habe ihn das nicht erschüttert. Und der Drill beim Wehrdienst im Bundesheer? „Da hab ich nur lachen müssen. Für mich war das ein Kinderspiel."

Albträume, Weinkrampf

In der Nacht vor dem Treffen in der „Presse"-Redaktion habe er, erzählt Gutmann, seit Langem wieder Albträume gehabt, sei schweißgebadet aufgewacht. Nach dem Telefonat, bei dem der Termin für das Gespräch vereinbart wurde, habe er, was ihm schon lange nicht passiert sei, einen Weinkrampf erlitten. „Ich habe vorher nicht gewusst, dass das noch immer so tief sitzt, wie sehr mich das noch bewegt."

Und wie reagiert der heutige Abt von Stift Wilhering, Gottfried Hemmelmayr? Er zeigt sich, von der „Presse" mit dem Fall konfrontiert, betroffen: „Das ist eine unheimlich schmerzliche Geschichte. Es tut uns leid, auch wenn wir den Fall nicht nachprüfen können, weil der Präfekt längst tot ist." Gestorben ist er 51-jährig, wenige Monate nach Gutmanns Weggang aus Wilhering 1959. Der Abt weiter: „Wir wollen Kontakt mit dem Opfer, um zu klären, wie man eine Schadensbegrenzung herbeiführen kann."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2010)

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