Theologe Küng fordert "mea culpa" des Papstes

Schon am Freitag will Benedikt XVI. in einem Schreiben zum aktuellen Missbrauchsskandal Stellung nehmen. Der Theologe Hans Küng wirft ihm vor, für die jahrelange Vertuschung verantwortlich zu sein.

Theologe Kueng fordert culpa
Theologe Kueng fordert culpa
Papst Benedikt XVI. – (c) EPA (GREGORIO BORGIA/POOL)

Das lange Warten soll am Freitag ein Ende haben: Dann soll das Schreiben des Papstes zu dem aktuellen und vergangenen Missbrauchsskandalen veröffentlicht werden, kündigte Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am Mittwoch in einem Grußwort an irische Gläubige an. "Als Zeichen meiner tiefen Besorgnis habe ich einen Pastoralbrief geschrieben, der sich mit dieser schmerzvollen Situation befasst. Ich werde ihn am Hochfest des Heiligen Josef, dem Beschützer der Familien und Patron der ganzen Kirche, unterschreiben und bald danach abschicken. Ich bitte Euch alle, ihn selbst und mit offenem Herzen und im Geist des Glaubens zu lesen. Meine Hoffnung ist, dass er helfen wird im Prozess der Reue, der Heilung und der Erneuerung", so der Papst.

Vatikankreisen zufolge wurde das Erscheinen des Briefes durch den Skandal in Deutschland verzögert. Immer mehr Katholiken hatten in den vergangenen Tagen das öffentliche Schweigen des Papstes zu dem Thema kritisiert. Der deutsche Theologe Hans Küng wirft Josef Ratzinger vor, als Erzbischof von München, als Leiter der Glaubenskongregation in Rom und schließlich als Papst für die Vertuschung der Fälle mit verantwortlich zu sein. Dementsprechend fordert er für das Schreiben ein "mea culpa", also ein persönliches Schuldeingeständnis, des Papstes.

Die Kirche habe jahrzehntelang Missbrauchsfälle geheim gehalten, zum Schutz ihrer Priester und zum Leidwesen der betroffenen Kinder, so Küng. "Die Wahrhaftigkeit würde es verlangen, dass der Mann, der seit Jahrzehnten die Hauptverantwortung für die weltweite Vertuschung hatte, eben Joseph Ratzinger, sein eigenes mea culpa spricht", schrieb der katholische Theologe in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". "Bei keinem Menschen in der Kirche gingen so viele Missbrauchsfälle über den Schreibtisch wie gerade bei ihm."

Von den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen habe Ratzinger ohne Zweifel gewusst, schrieb Küng. Schließlich sei er acht Jahre lang Professor in Regensburg gewesen und habe eine sehr enge Verbindung zu seinem Bruder Georg gehabt, der damals Domkapellmeister war. Als Erzbischof von München und Freising habe er die Verantwortung dafür getragen, dass ein wegen sexuellen Missbrauchs versetzter Priester in der Gemeindearbeit in Oberbayern eingesetzt wurde, wo er sich erneut an Jugendlichen verging. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe Ratzinger 2001 dafür gesorgt, dass alle Missbrauchsfälle unter päpstliche Geheimhaltung gestellt wurden.

Brisanter Fall im Münchner Amtszeit

Nicht nur das Kirchenvolk, auch die deutschen Bischöfe sehnen sich nach der Botschaft des Papstes. Der Papst habe sich bereits mehrfach entschuldigt, sagte der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe im Katholischen Büro Berlin, Prälat Karl Jüsten. "Wir müssen natürlich jetzt aufpassen, dass es nicht eine Art von Entschuldigungsfuror gibt, der dann hinterher nicht richtig wahrgenommen wird." Es sei aber "vernünftig und gut, wenn es eine persönliche Zuwendung des Papstes an die Opfer gibt. Damit ist diese Woche zu rechnen."

In dem Schreiben soll Papst Benedikt XVI. laut Vorabmeldungen eine "harte Linie" vertreten und "konkrete Lösungen" anbieten. Ob die Erklärung, die indes an die irischen Bischöfe gerichtet sein soll, auch auf Deutschland oder gar den bayrischen Fall aus der Zeit, als der Papst Erzbischof war, eingehen wird, ist offen. Gerade diese Frage interessiert in Deutschland aber besonders: Nicht nur auf den Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, jahrzehntelang Chorchef bei den Regensburger Domspatzen, wirft die Affäre Schatten, sondern auch auf Benedikt XVI. höchstpersönlich.

Als Joseph Ratzinger Erzbischof von München und Freising war (1976–1982), kam ein Pfarrer, der in Essen Jugendliche sexuell missbraucht hatte, nach München, um dort eine Therapie zu machen. Dennoch missbrauchte er erneut Kinder und wurde 1986 verurteilt, danach aber wieder in Gemeinden eingesetzt – bis heute. Ratzinger hat dem Umzug des Priesters H. von Essen nach München 1980 zugestimmt, so viel ist bekannt. Dass H. neuerlich in der Seelsorge eingesetzt wurde, soll der Erzbischof jedoch nicht gewusst haben.

Personelle Konsequenzen

In München gibt es erste personelle Konsequenzen: Der Priester wurde Anfang der Woche vom Dienst suspendiert, der Leiter des Seelsorgereferats, Prälat Josef Obermaier, trat zurück. Er übernehme "die Verantwortung für gravierende Fehler in der Wahrnehmung seiner Dienstaufsicht", lässt das Ordinariat wissen.

Dennoch schwingt die Frage weiter mit: Was wusste der Papst, welche Beschlüsse trug er mit? Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" hält eine Entschuldigung konkret im bayrischen Fall für "überfällig", die Münchner Regierung fordert von der Kirche "lückenlose Aufklärung". Ein "klares Wort" vom Papst verlangt auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, in dem rund 650.000 junge Katholiken organisiert sind.

Eine Stellungnahme zu den Vorgängen im Erzbistum München ist jedoch kaum zu erwarten: Vatikan-Sprecher Federico Lombardi tat Fragen dazu als "verbissenen Versuch" ab, den Papst in die Affären an katholischen Einrichtungen hineinzuziehen. Für jeden objektiven Beobachter sei "klar, dass diese Bemühungen gescheitert sind".

Merkel: "Verabscheuungswürdiges Verbrechen"

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangte im Bundestag eine schonungslose Aufklärung des Missbrauchsskandals in katholischen und anderen Einrichtungen. Sexueller Missbrauch an Kindern sei ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Die Fälle müssten aufgeklärt werden. Die Menschen, die so etwas erfahren hätten, müssten sich in der Gesellschaft aufgehoben fühlen. Auch wenn viele Fälle aus der katholischen Kirche gemeldet worden seien, habe es keinen Sinn, das Problem darauf zu begrenzen. Missbrauch ereigne sich in vielen Bereichen der Gesellschaft.

Die deutsche Regierung will die Missbrauchsfälle nun in einem einzigen Gremium aufarbeiten. Getrennte Runde Tische des Justiz- und des Familienministeriums soll es nach den Worten von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nicht geben.

Der Tübinger Theologe Hans Küng forderte vom Papst ein persönliches Schuldeingeständnis für den Missbrauch in der Kirche. Benedikt XVI. trage als Papst und langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation die Verantwortung dafür, dass die Kirche solche Fälle jahrzehntelang geheim gehalten habe. "Die Wahrhaftigkeit würde es verlangen, dass der Mann, der seit Jahrzehnten die Hauptverantwortung für die weltweite Vertuschung hatte, eben Joseph Ratzinger, sein eigenes 'mea culpa' (meine Schuld) spricht", schrieb der Theologe in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwoch-Ausgabe). "Bei keinem Menschen in der Kirche gingen so viele Missbrauchsfälle über den Schreibtisch wie gerade bei ihm."

(Ag./Red.)

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