Die Kinderjäger

Psychotherapeut Hannes Doblhofer betreut pädophile Täter: Wer sie sind, wie sie vorgehen und was man gegen sexuellen Missbrauch tun kann.

Kinderjaeger
Kinderjaeger
Doblhofer – (c) Bruckberger

Manche kommen einmal pro Woche, andere mehrmals, drei Jahre lang oder auch zehn, gegen Ende kommen einige sogar freiwillig. Anfangs meist nicht: Psychotherapeut Hannes Doblhofer betreut verurteilte Straftäter, die nach der Haft die Weisung haben, sich therapieren zu lassen. Doblhofer betreut pädophile Täter. Sie kommen zu ihm, legen sich auf die schwarze Couch, „und dann versuchen wir zu graben und Persönlichkeitsmerkmale freizulegen“.

Die meisten sind männlich, oft verheiratet, mit ganz normalen Familien – an der Oberfläche. Tief drinnen: eine gestörte, verbotene Sexualpräferenz. Eine Suche nach dem gewissen Kick. Unreife. Sehnsucht nach dem Reinen, Unschuldigen. Der typische Täter, sagt Doblhofer, weiß wenig über sich selbst, hat wenig Einfühlungsvermögen für einen erwachsenen Partner, dafür fixe Vorstellungen, wie er zur Lusterfüllung kommen kann. „Und dazu benutzt er ein Kind.“


Verführer. Gewalt ist dabei selten im Spiel. „Pädophile“, sagt Doblhofer, „sind Verführer, keine Vergewaltiger.“ Sie schleichen sich ein, manipulieren, nähern sich an. „Sie sind wie Jäger, die ihre Beute genau beobachten.“ Dabei lassen sie sich Zeit, bei Widerstand weichen sie zurück. Denn der pädophile Täter will Vertrauen, er will ein guter Freund sein – was nicht heißt, dass er nicht auch seine Autorität einsetzt, wenn er muss.

Und es sind alle dabei: Hilfsarbeiter, Ärzte, Richter. „Mit dem einzigen Unterschied“, beobachtet Doblhofer, „dass jene aus einfachen Verhältnissen öfter angezeigt werden und jene mit höherem Status sich freizukaufen versuchen.“ Oft sind die Täter auch dort, wo Kinder sind: in Schulen, Jugendklubs, Vereinen. Dass Priester überrepräsentiert sind, glaubt er nicht. Aber natürlich hätten es Pädophile in einem tabubefrachteten, lustfeindlichen Milieu, in dem über Sehnsüchte nicht gesprochen wird, leichter als anderswo.

Ihr gemeinsames Merkmal ist das Schönreden. Sie wissen, dass sie Unrecht tun, und modellieren sich eine Begründung zurecht, nach dem Motto: „Das Kind wollte es, wieso sonst ist es immer zu mir gekommen?“ Im Zentrum der Therapie steht daher die Deliktbearbeitung, die dem Täter klarmachen soll, welches Leid er seinem Opfer angetan hat. Darüber hinaus sollen die Männer ein Instrumentarium entwickeln, um in Zukunft sich und andere nicht mehr zu gefährden. „Das kann bedeuten, dass sie mit einem Kind nicht mehr allein in einem Raum sein dürfen.“

Oft kommt dabei auch zur Sprache, was dem Täter selbst widerfahren ist. Die Hälfte der Verurteilten, mit denen Doblhofer arbeitet, hat eine eigene Missbrauchsgeschichte. Ein dunkles Thema, das Doblhofer schon lange begleitet: 1970 begann er als Sozialpädagoge in Heimen und öffentlichen Erziehungsanstalten zu arbeiten und musste feststellen, „wie viele Übergriffe dort stattfanden“. Später, als Psychotherapeut, war er regelmäßig mit Opfern sexueller Gewalt konfrontiert – obwohl die Klienten oft wegen ganz anderer Dinge in Behandlung waren. „Damals habe ich mich dafür zu interessieren begonnen, wie jemand zum Täter wird.“

Erforscht ist diese Frage bisher kaum – ebenso wenig wie die Frage, wie die Gesellschaft mit den „pädophilen Zeitbomben“ umgehen soll. Vorreiter auf dem Gebiet ist die Berliner Charité. „Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?“, fragt sie seit einigen Jahren. Über tausend Männer haben bereits mit Ja geantwortet und sich aktiv an die Einrichtung gewandt, darunter auch viele aus Österreich.


Kein Täter werden. Ziel des Forschungsprojekts, bei dem auch Doblhofer mitgearbeitet hat, ist es, herauszufinden, wie man sexuelle Übergriffe auf Kinder im Vorfeld verhindern und den Männern helfen kann, „kein Täter zu werden.“ Auch Bayern hat als Reaktion auf die Missbrauchsfälle die Einrichtung eines Präventionszentrums beschlossen. In Österreich gibt es Derartiges nicht, auch wenn es immer wieder Männer gibt, die von sich aus Hilfe suchen.

Eine mögliche Anlaufstelle ist das Forensisch Therapeutische Zentrum Wien, das auch Menschen hilft, die gefährdet sind, eine Straftat zu begehen. Doblhofer gehört dem Zentrum an. Viele Betroffene, sagt er, seien verzweifelt, weil sie nicht wissen, wieso sie auf Kinder fixiert sind; oder aber krank, depressiv. Die aktuelle Debatte, hofft er, könnte auch hier einiges aufbrechen lassen. Dass im Diskurs bisweilen von „kastrieren, einsperren, erschlagen“ die Rede ist, sei da freilich nicht gerade hilfreich.

Um sich dem Problem zu stellen, müssten Männer einen guten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben – was häufig nicht der Fall sei. „Wer hat denn überhaupt Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen?“


Schmaler Grad. Prävention ist aber auch von ganz anderer Seite möglich. Denn Missbrauch funktioniert auch deshalb, weil das Tabu schon viel früher beginnt, nämlich dort, wo es um eine offene Sexualerziehung geht. Ein Kind, das Dinge benennen kann, kann im Ernstfall auch darüber berichten. Das Schwierige ist, dass die Grenze oft schmal ist. Es kann ja sein, dass ein 12-Jähriger fasziniert ist von der Autorität eines Priesters oder Lehrers, es kann ja etwas Gutes sein, wenn er zu so einem Menschen Vertrauen hat. Es tut ihm gut, wenn ihn dieser umarmt, sagt, „Du bist klass, und ich bin da, wenn du etwas brauchst.“ Das, sagt Doblhofer, „kann toll sein oder ein schrittweiser Übergriff, das ist das Teuflische.“

Genau hier kann das Ganze aber auch enden – wenn das Kind gelernt hat, Grenzen zu zeigen, Nein zu sagen. Damit ein Kind das lernt, müsse man es ernst nehmen in dem, was es will und nicht will – auch in ganz anderen, alltäglichen Dingen. Wenn ein Kind etwas partout nicht essen will oder ein Kleidungsstück nicht anziehen will, weil es kratzt: „Dann darf man nicht sagen: ,Ach, sei nicht so.‘ Lieber stärkt man seine natürliche Selbstwahrnehmung – aber das braucht Zeit.“ Und ist auch nicht immer bequem.

Aber wichtig: Gesichert sei, so Doblhofer, dass jedes vierte Mädchen in irgendeiner Weise attackiert wird. Auch würden nur zehn Prozent aller manifest pädophilen Übergriffe bestraft. „Das zeigt, wie potent die Tätergruppe ist, wie hoch die Dunkelziffer im Nahfeld ist, wo sich ja ein Großteil abspielt – und wie gefährdet die Kinder sind.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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