Rekord bei Kirchenaustritten: Ein Plus von 42 Prozent

Von Jänner bis März haben sich in Österreich 30.000 Katholiken abgemeldet. Im selben Zeitraum 2009 waren es „nur“ 21.100. Intern wird mit einem neuen Rekordjahr gerechnet. Und einem Minus von 7 Millionen Euro.

Rekord Kirchenaustritten Plus Prozent
Rekord Kirchenaustritten Plus Prozent
(c) Clemens Fabry

WIEN. Die Zahl jener Katholiken, die heuer bis Ende März aus „ihrer“ Kirche ausgetreten sind, ist gegenüber dem Vorjahr deutlich angestiegen: Um 42 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass bereits 2009 das erste Quartal alles bisher da gewesene übertroffen hat. In absoluten Zahlen sind heuer zwischen 1. Jänner und 31. März in ganz Österreich 30.004 Katholiken ausgetreten. Im Vorjahr waren es im selben Zeitraum „nur“ 21.100.

Dass sich die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche auch auf die Bereitschaft, Mitglied zu bleiben, auswirken werden, war klar. Bisher gab es diesbezüglich aber nur Mutmaßungen, Schätzungen, Befürchtungen, Hoffnungen. Die „Presse“ brachte nun die tatsächlichen Zahlen in Erfahrung. Damit steuert die katholische Kirche auf ein neues Rekordjahr zu. In Prognosen wird für heuer mit insgesamt 70.000 bis 80.000 Kirchenaustritten gerechnet – gegenüber 53.216 im Vorjahr. Damals haben im Gefolge der Auseinandersetzungen um den erzkonservativen Pfarrer Gerhard Maria Wagner und die ultrakonservative Pius-Bruderschaft mehr Österreicher die katholische Kirche verlassen als beispielsweise am Höhepunkt des Sexskandals im Priesterseminar St. Pölten (2004) oder der Affäre Groer (1995).

Besonders viele Kirchenaustritte werden in Westösterreich, besonders wenige im Osten gezählt. Vorarlberg hält mit einer Verdoppelung die Spitze. Neben den Vorwürfen (sexueller) Gewalt durch Lehrer und Erzieher im Kloster Mehrerau, die teilweise Jahrzehnte zurück liegen, hat die Diözese Feldkirch noch ein Spezifikum aufzuwarten: Bischof Elmar Fischer hat es nicht nur nicht geschafft, Kritik Wind aus den Segeln zu nehmen. Im Gegenteil, er hat mit öffentlichen Aussagen über Ohrfeigen in der Pädagogik zusätzliche Kritik und zusätzliches Unverständnis provoziert. Gleichfalls überdurchschnittlich hoch ist die Abwendung von der katholischen Kirche in Tirol und in der Steiermark.

Und wie sehen die aktuellen Austrittszahlen für die Erzdiözese Wien aus? Sie liegen mit 40 Prozent knapp unter dem bundesweiten Durchschnitt: In absoluten Zahlen haben heuer bis Ende März 8.700 Personen ihren Austritt bei einem der Magistratischen Bezirksämter erklärt. Ein Jahr zuvor waren es im Gebiet der Erzdiözese Wien, die im Norden bis in das Weinviertel, im Süden bis in die Bucklige Welt reicht, 6.200 gewesen.

Der katholischen Kirche werden durch den neuen Aderlass österreichweit nach ersten Berechnungen heuer sieben Millionen Euro an Kirchenbeiträgen entgehen – eine auf den ersten Blick eher geringe Zahl, wenn man weiß, dass insgesamt das Kirchenbeitragsaufkommen pro Jahr 350 Millionen Euro ausmacht. Diese zwei Prozent Minus bei steigenden Preisen und Löhnen führen jedoch unweigerlich zu Sparmaßnahmen, Kürzungen und Stornierung von Projekten. So kann in Wien die Kirche Maria vom Siege beim Westbahnhof außen nicht mehr saniert werden. Die Kosten würden 11 Millionen Euro ausmachen. Jetzt wird eine christliche Gemeinde gesucht, die das Gebäude übernimmt.

("Die Presse" Printausgabe vom 22. April 2010)

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