Türkei: Mörder saß am Gartentor

Viele Merkwürdigkeiten rund die Ermordung des katholischen Bischofs von Iskenderun. Je mehr Einzelheiten ans Licht kommen, desto weniger hat man den Eindruck, die Hintergründe der Bluttat zu verstehen.

Tuerkei Moerder sass Gartentor
Tuerkei Moerder sass Gartentor
(c) EPA

ISTANBUL. Der Mord an dem Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz der Türkei, Bischof Luigi Padovese, gibt weiter Rätsel auf. Je mehr Einzelheiten ans Licht kommen, desto weniger hat man den Eindruck, die Hintergründe der Bluttat zu verstehen.

Der Italiener Padovese ist vor fünf Jahren als Bischof nach Iskenderun gekommen. Die Provinz Hatay, in der Iskenderun liegt, hat eine alte christliche Tradition. In der kleinen Mittelmeerprovinz an der Grenze zu Syrien kommen die wenigen Christen mit der muslimischen Mehrheit gut aus, so schien es bisher jedenfalls. Die Bewohner von Hatay sind nicht für religiösen oder nationalen Fanatismus bekannt. Bisher fand sich auch keinen Hinweis darauf, dass der Mord an Padovese politische Hintergründe hatte. Es gibt nur eine Reihe seltsamer Umstände.

Unklar ist bisher, wer die Polizei am Donnerstag in den Garten des Bischofs gerufen hatte, in dem dieser in seinem Blut lag. Nach einem Tatverdächtigen brauchte die Polizei nicht lange zu suchen. Der saß mit einem blutigen Messer vor dem Gartentor.

Es war der junge Fahrer und Leibwächter des 63-jährigen Bischofs, Murat Altun. Er gestand auf der Stelle die Tat. Sofort kam der Verdacht auf, Altun sei geistig verwirrt. Prompt stellte sich heraus, er in psychiatrischer Behandlung gewesen war. Die Behörden hoben diesen Umstand sofort hervor, Murat Altun besaß sogar eine Bescheinigung über seine verminderte Zurechnungsfähigkeit. Diese Bescheinigung wurde von der psychiatrischen Abteilung des staatlichen Krankenhauses von Iskenderun sechs Tage vor dem Mord ausgestellt. Hat sich da jemand Unzurechnungsfähigkeit attestieren lassen, um dann zuzustoßen?

 

„Polizei ist schwer zu glauben“

Der Bischof von Izmir, Ruggeo Franceschini, hält nichts von der Theorie vom geistesgestörten Täter. Da Franceschini zuvor selbst Bischof in Iskenderun war, kennt er die Familie des mutmaßlichen Mörders, die seit Jahren für die katholische Kirche arbeitet. Er glaubt nicht daran, dass Murat Altun psychische Probleme hat. „Was die Polizei sagt, ist schwer zu glauben“, sagt Franceschini.

Merkwürdig ist jedenfalls die Häufung von Fällen, in denen die Täter entweder unzurechnungsfähig oder in strafminderndem Alter waren: ein Molotow-Cocktail-Angriff auf eine Kirche, ein Messerstich gegen einen katholischen Priester in Samsun – in beiden Fällen von verwirrten Personen ausgeführt. Und da ist der Mord an dem katholischen Priester Andrea Santoro vor vier Jahren in Trabzon, erschossen von einem 16-Jährigen. Es gibt in der Türkei offensichtlich ein Milieu, in dem solche Täter und Taten gedeihen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2010)

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