Klasnic-Kommission: 250 Fälle

Neue (alte) Vorwürfe gegen die Schulbrüder in Wien-Strebersdorf.

KlasnicKommission Faelle
KlasnicKommission Faelle
(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)

WIEN (np/d. n.). Ungefähr 250 Missbrauchsopfer haben sich bis gestern, Dienstag, bei der Klasnic-Kommission gemeldet. Diese untersucht Fälle sexueller Gewalt, begangen durch Mitarbeiter der katholischen Kirche. Seit die Kommission Ende Juni die Höhe möglicher Entschädigungszahlungen beschlossen hat, ist die Zahl der Meldungen wieder angestiegen. Und am Dienstag wurde über ORF-Radio bekannt, dass es seit 2. Juli auch die erste Anzeige der Kommission gibt.

Betroffen ist der Schulbrüder-Orden mit seiner Niederlassung in Wien-Strebersdorf. Der Beschuldigte, Vizeprovinzial Paul Kaiser, beteuerte wenige Stunden nach Bekanntwerden bei einer eilends einberufenen Pressekonferenz seine Unschuld: „Sexuelle Übergriffe kann ich mit absoluter Sicherheit ausschließen. Die Dinge sind durch die Medien in eine schiefe Optik geraten.“

Die Anschuldigungen stammen aus den 1990-Jahren, das Verfahren sei damals von der Untersuchungsrichterin eingestellt worden – der späteren FP-Politikerin Helene Partik-Pablé. Und dieselben Vorwürfe seien vor wenigen Monaten erneut bei der Staatsanwaltschaft Wien angezeigt worden. Gleichfalls mit dem Ergebnis, dass die Erhebungen eingestellt wurden.

Nun haben sich aber offenbar weitere Personen bei der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien und bei der von der früheren steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic geführten Kommission gemeldet, die Vorwürfe erheben. Daher ist Bruder Paul auch seit einigen Wochen als Vizeprovinzial dienstfrei gestellt. Offiziell heißt es, er solle dadurch die Möglichkeit erhalten, sich voll und ganz auf die Entkräftung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu konzentrieren.

Schulbrüder-Provinzial Johann Gassner verlas eine schriftlich vorbereitete Stellungnahme, in der er von einer „dunklen Stunde“ sprach und meinte, oberstes Ziel müsse die restlose Aufklärung aller Vorwürfe sein. Er rief aber auch dazu auf, „bei der Wahrheit zu bleiben“. Die Schulbrüder wären jederzeit bereit, für Fehler einzustehen, allerdings müsse man aber wissen, dass „es auch so etwas wie einen Missbrauch des Missbrauchs“ gebe.

Gleichzeitig brechen innerkatholische Differenzen auf. Die Schulbrüder kritisieren, erst über die Medien von den Vorwürfen erfahren zu haben – ohne dass die Klasnic-Kommission dem Orden Gelegenheit gegeben habe, dazu Stellung zu nehmen. Provinzial Gassner im O-Ton: „Uns liegen noch keinerlei Unterlagen von der Kommission vor. Wir wissen eigentlich nicht wirklich, worum es eigentlich geht.“
 
Irritiert zeigt sich auch die Erzdiözese Wien. Weder die Ombudsstelle noch die Pressestelle Kardinal Christoph Schönborns war über das Abhalten der Pressekonferenz informiert – von Zusammenarbeit in der heiklen Causa gar keine Rede. Für Verwunderung sorgt bei manchen auch die Wahl des Rechtsanwalts der Schulbrüder, der ebenfalls bei dem Medientermin aufgetreten ist. Farid Rifaat hatte vor acht Jahren Missbrauchsklagen gegen die katholische Kirche in Österreich nach US-Vorbild angekündigt.
 
Verteidigt wurde der Orden bei der Pressekonferenz auch von einem ehemaligen Schüler, der neun Jahre lang das Internat besuchte, Thomas Plötzeneder: „Ich war lange Zeit Schulsprecher, von Missständen hätte ich gehört.“

Nun, da die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft liegt, sind deren Ermittlungen abzuwarten. Diese kann nun entweder ein Verfahren einleiten oder ein solches abermals einstellen. Jedenfalls wird Waltraud Klasnic den Sommer über weiterarbeiten. Im Herbst sollen erste Entschädigungszahlungen durch die Kommission entschieden werden.

Johannes-Bruder verurteilt

Gleichzeitig ist am Dienstag ein weiterer Fall sexueller Gewalt bekannt geworden. Ein Johannes-Bruder aus dem Bezirk Gänserndorf ist am Freitag der Vorwoche am Landesgericht Korneuburg wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses zu sechs Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Die Erzdiözese Wien hatte den Geistlichen bereits bei Bekanntwerden der Vorwürfe dienstfrei gestellt, hieß es in einer Aussendung am Dienstag. In dem Verfahren wurde dem beschuldigten Priester vorgeworfen, seine Vertrauensstellung als Seelsorger ausgenützt zu haben. Er habe zwei psychisch „angeschlagene“ junge Frauen, die in dem Kloster Rat und Orientierung suchten, sexuellen Übergriffen ausgesetzt.
 
Der Mann legte ein Geständnis ab und tritt nun nach Angaben der „Niederösterreichischen Nachrichten“ eine zweijährige berufliche Auszeit an.

("Die Presse" Printausgabe vom 7. Juli 2010)

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