Bulgarien: Zahn könnte Minister den Kopf kosten

Über die Echtheit einer angeblichen Reliquie von Johannes dem Täufer ist ein Streit entbrannt. Sind die Reliquien tatsächlich echt oder wurden sie vorschnell als „Gebeine von Johannes dem Täufer“ präsentiert?

(c) AP (JOERG SARBACH)

Sofia. Alles begann mit der frohen Botschaft, es sei „etwas Großes“ gefunden worden: Doch nur wenig später wird die angebliche Entdeckung von Relikten von Johannes dem Täufer an der bulgarischen Schwarzmeerküste von einem Gelehrtenstreit der besonderen Art überschattet: Sind die Reliquien tatsächlich echt oder wurden sie vorschnell und ohne wissenschaftliche Untersuchung als „Gebeine von Johannes dem Täufer“ präsentiert?

Geht es nach Boschidar Dimitrow, dem bulgarischen Minister ohne Portefeuille und langjährigen Direktor des Nationalen Historischen Museums, ist alles besiegelt und die bulgarische Pilgerstätte für die gesamte Christenheit bereits in Planung. Dass die Gebeine, die auf der Insel Sveti Ivan vor Sozopol in Grundmauern einer Kirchenruine aus dem fünften Jahrhundert gefunden wurden, nicht echt sein könnten, kommt für ihn gleich gar nicht infrage: Als ihn eine Journalistin der Zeitung „Dnevnik“ jüngst zu den kritischen Einwänden befragte, erfasste den Minister ein heiliger Zorn. Er fluchte laut, unflätig und nicht zitierbar. Den Skeptikern unterstellte er „wilden Neid“ und schloss klagend: „Wir Bulgaren werden uns wirklich noch selbst aufessen!“

Gefragt, ob er sich für seine saftige Schimpfkanonade entschuldigen werde, gab sich der Minister trotzig: Als ausgewiesener Nationalist sei es nicht seine Absicht gewesen, das Volk zu beschimpfen, sondern nur die Archäologen, die aus Neid die Authentizität des Fundes bezweifelten.

Noch bevor vor etwas mehr als einer Woche das Reliquienbehältnis geöffnet worden ist und ein Zahn sowie Knochen von Kiefer und Hand ans Tageslicht gekommen sind, hatte Boschidar Dimitrow die Entdeckung der „Gebeine von Johannes dem Täufer“ verkündet.

 

Ein „zweites Jerusalem“?

Seine unerschütterliche Gewissheit begründete er mit einer Aufschrift mit dem Namen „Johannes“ und der „Archäologie der Seele des mittelalterlichen Menschen“: Fälschungen seien Gläubigen im fünften Jahrhundert einfach fremd gewesen.

Seine Heimatstadt Sozopol sieht Dimitrow künftig als „zweites Jerusalem“, schließlich würden in der Kirche Sveti Georgi in Sozopol bereits ein Stück des „heiligen Kreuzes“ und „Gebeine des heiligen Andreas“ aufbewahrt.

Mit seiner unwissenschaftlichen Streitbarkeit hat der gelernte Historiker Dimitrow dem Entdecker der Reliquie, Kasimir Popkonstantinow, einen schlechten Dienst erwiesen, die Skepsis gegenüber dem Fund hat sich erhöht. Eine wissenschaftliche Überprüfung, etwa mit der Radiokarbonmethode, hält Archäologieprofessor Popkonstantinow für angebracht.

Der Chor kritischer Stimmen, die Dimitrows Ausdrucksweise für eines Ministers unwürdig erachten und Konsequenzen fordern, wird aber lauter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2010)

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