Die Heilsversprechen von Kirche und Esoterik

Segnungen und Rituale erfreuen sich auch außerhalb der Kirche großer Beliebtheit - die Esoterik macht damit gutes Geschäft. Theologen und Psychiater warnen vor Heilsversprechen gegen Bezahlung.

TIERSEGNUNG AM STEPHANSPLATZ
TIERSEGNUNG AM STEPHANSPLATZ
Tiersegnung am Stephansplatz am Welttierschutztag – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (Roland Schlager)

Segnungen haben in Religionen eine jahrtausendealte Tradition, und - wie zum Beispiel die Tiersegnung am Stephansplatz am vergangenen Montag zeigt - erleben in teils veränderter Form eine Renaissance. Auch in esoterischen Zeremonien spielen Segnungen eine wichtige Rolle. Theologen und Psychiater haben am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz versucht, eine Trennlinie zu ziehen, bzw. den Sinn von Segnungen darzustellen.

"Der Segen ist ein Gebet für oder über Menschen, Lebewesen, aber auch Gegenstände oder Einrichtungen, soweit sie für Menschen eine besondere Bedeutung haben", erläuterte der Pfarrer und Vorsitzende des Priesterrats der Diözese Linz, Hans Padinger. Dadurch werde das Vertrauen vermittelt, dass eine glückliche Entwicklung des Lebens empfangen wird, so der Geistliche, eine Versicherung sei das aber keine. Entscheidend sei, dass es immer zur Segnung von Menschen kommt, auch wenn Gegenstände im Vordergrund stehen.

18 bis 25 Mrd. Euro Umsatz mit Esoterik

Der Unterschied zur Esoterik, wo "eine sonderbare Vielfalt an Prozeduren" herrsche, liege darin, dass es bei der kirchlichen Segnung keine Technik gebe, sondern dass einfach die göttliche Kraft vermittelt werde, so Padinger. Theologe Herbert Mühringer vom Referat für Weltanschauungsfragen berichtete, dass in Deutschland pro Jahr 18 bis 25 Mrd. Euro mit esoterischen Praktiken umgesetzt würden, Tendenz steigend. Die Gebrauchsesoterik im Spannungsfeld zwischen Säkularisierung und Religionsfaszination scheine einem Lebensgefühl außerhalb der Kirche zu entsprechen. Es gebe eine Lösung für scheinbar alle Lebenslagen, das Spektrum reiche von Heilung und Lebenshilfe zu Schamanismus und Aurafotografie.

Für Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes-Frauen- und Kinderklinik in Linz, spielen beim Thema Segnung mehrere Phänomene zusammen. "Auf der einen Seite wollen wir eine Erklärung haben für das, was wir erleben, auch für das, was uns mit Vernunft nicht erklärbar erscheint. Und wir wollen die Zukunft gestalten. Wir versuchen, durch Rituale unsere inneren Kräfte zu fokussieren." Darum hätten Menschen, die gläubig sind, bessere Chancen auf Heilung als jene, die nicht glauben, "weil sie Kräfte bündeln". Sie würden sich ganz aufs gesund Werden konzentrieren. Dass Menschen an etwas glauben wollen, erklärte Merl damit, "weil wir zukunftsorientiert sind. Selbst ein Pragmatiker glaubt an das Machbare durch die eigene Kraft".

Kritik an Fernheilung gegen Geld

Kritisch sieht Merl den finanziellen Aspekt. Die Grenze, die Esoterik nicht überschreiten dürfe, zieht er als Fachmann dort, wenn "Eltern Kindern nicht mehr die Behandlung zukommen lassen, die sie brauchen, sondern lieber Heiler und Hexen aufsuchen". Wichtig sei die Professionalität. Für Padinger liegt die Grenze dort, wo rationales Nachfragen nicht mehr möglich ist, wenn "der Spekulation völlige Freiheit gegeben wird". Mühringer kritisierte, dass oft mehrere tausend Euro in eine "Fernheilung per zugeschicktem Foto" investiert würden.

(APA)

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