Protestanten und andere Türken

Was hat die Türken zum dauerhaften Feindbild der Österreicher gemacht? Unter anderem der Katholizismus, sagt Sozialanthropologe Johann Heiss. So wurden die Aufklärer mit den Türken verglichen.

(c) Clemens Fabry

Bald dreieinhalb Jahrhunderte ist es her, dass das türkische Heer Kara Mustafas einen Sommer lang vor den Mauern Wiens stand, die Leopoldstadt besetzt hielt, bis zur Löwelbastei vordrang und den Stephansdom bombardierte. Bis vor wenigen Jahren hätte sich wohl niemand gedacht, dass diese alte Episode in einem Wahlkampf des 21.Jahrhunderts eingesetzt werden könnte, oder dass Geschichtslehrer einmal das Thema als „zu brisant“ meiden würden. Die Aktualität, die die Wiener Türkenbelagerungen in letzter Zeit gewonnen haben, ist im Grunde nicht weniger bizarr als die Obsession der Serben, die sich im Kampf um den Kosovo auf die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 berufen haben.

Wie ist es möglich, dass sich eine Zeit, von der die meisten nur aus Sagen und Schulbüchern wissen, so leicht instrumentalisieren lässt? Das ist eine der Fragen, die ab Donnerstag bei der internationalen Tagung „Die Türken erinnern“ im steirischen Radkersburg diskutiert werden. Johann Heiss, Sozialanthropologe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, nimmt im Gespräch mit der „Presse“ eine Antwort vorweg: Er sieht einen Grund im österreichischen Katholizismus. „Die religiöse Prägung des Habsburger-Reiches hat dazu beigetragen, dass die Türken zum Inbegriff der Bedrohung wurden“, meint er: „Die Türken eigneten sich besonders gut, um Abgrenzungen zu ziehen und Feindbilder zu erzeugen. Wenn jemand heute ,Abendland in Christenhand‘ verkündet, weiß jeder, was gemeint ist, weil die Türkengefahr ein seit Jahrhunderten bestehender ,Schatz‘ im Gedächtnis dieses Landes ist.“

 

„Zum ersten Mal in der Gegenreformation“

Und der wurde lange Zeit nicht nur mit religiösen Prozessionen, türkischen Beutefahnen neben dem Hochaltar im Stephansdom, Türkenkugeln, Türkenköpfen oder Türkendenkmälern kultiviert. Sehr früh schon, in den Jahrzehnten nach der ersten Wiener Türkenbelagerung 1529, wurde das Feindbild Türke über politische Gegner gestülpt. „Zum ersten Mal“, erzählt Heiss, „geschah das in der Gegenreformation. Interessant ist, dass sowohl die Katholiken die Protestanten mit den Türken verglichen haben als auch umgekehrt die Protestanten ihre katholischen Gegner. Für die Leute war das damals offenbar nicht weit hergeholt. Beide Seiten behaupteten, ihre Gegner seien wie die Türken Heiden oder Vertreter einer Irrlehre, die das Reich bedrohen würden.“

Die zweite Welle der Instrumentalisierung der Türkengefahr kam mit dem 100-Jahr-Jubiläum der zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683. Die „neuen Türken“ waren diesmal die Aufklärer, allen voran Maria Theresias Sohn Joseph II., der von der Kirche heftig angegriffen wurde. Wieder hundert Jahre später, 1883, hetzten die liberale Wiener Stadtverwaltung und Konservative gegeneinander, indem sie einander mit den Türken verglichen. Damals errichteten liberale Bürger gegenüber der heutigen Universität das Denkmal für den 1683, zwei Tage vor dem Sieg über die Türken verstorbenen Wiener Bürgermeister, Andreas von Liebenberg. Dass es vor der Mölkerbastei, dem letzten Rest der alten Stadtbefestigung, steht, ist kein Zufall – ganz in der Nähe, im Bereich des heutigen Burgtheaters, hatten die Türken am heftigsten angegriffen.

„Das Liebenberg-Denkmal war das bürgerliche Konkurrenzunternehmen zum Türkendenkmal im Stephansdom, das die Dynastie und die Kirche errichtet haben“, erzählt Heiss und erinnert an das merkwürdige Ende dieses Türkendenkmals: „Es wurde 1945 durch die herabstürzende Pummerin zerstört. Und die war aus türkischen Kanonen gegossen – man sagt, die Türken hätten sich hier gerächt...“

 

Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg

Die Reste des Denkmals sind heute noch an der ursprünglichen Stelle im Dom, darunter eine lateinische und deutsche Inschrift. Ihr Text ist von Paula von Preradović, die auch den Text der österreichischen Bundeshymne gedichtet hat. Eine unheimliche Inschrift, so Heiss: „Da vergleicht die Dichterin die Not Österreichs im Zweiten Weltkrieg mit der Not während der Türkenbelagerung, und über die Beteiligung Österreichs an den Gräueln wird der Mantel des Schweigens gebreitet.“

1933, bei den 250-Jahr-Feiern der zweiten Wiener Türkenbelagerung, spielte die Kirche Hand in Hand mit dem Staat wieder eine große Rolle: „Anlässlich der Türkenfeiern fand der erste Katholikentag statt. Bundeskanzler Dollfuß und Bundespräsident Miklas hielten Reden, in denen sie die Türkengefahr auf Bolschewiken und Nationalsozialisten projizierten. 50 Jahre später dann, beim Besuch von Papst Johannes Paul II. in Wien, wurde der gerade noch existente reale Sozialismus mit den Türken gleichgesetzt.“

Auf der Tagung „Die Türken erinnern“ sprechen auch Wissenschaftler aus osteuropäischen Ländern über das „Türkengedächtnis“ etwa in Ungarn und Polen. „Die Instrumentalisierung war auch in Polen stark“, sagt Heiss: „Der Sieg Jan Sobieskis wurde immer wieder dazu verwendet, Polen, das sich oft abseits Europas fühlte, in den Kreis der europäischen Staaten hereinzuholen. Auf der anderen Seite hatten die Polen immer wieder Schwierigkeiten, sich als Nation zu konstituieren. Auch da waren die Türken ein willkommenes Werkzeug, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.“

Tagung in Bad Radkersburg

„Die Türken erinnern. Ausbildung und Überlieferung des Türkengedächtnisses im internationalen Vergleich“: von Donnerstag bis Samstag in Bad Radkersburg. Veranstalter sind die Österreichische Akademie der Wissenschaften (Institut für Sozialanthropologie und Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte) und das Zentrum für Südosteuropäische Geschichte der Uni Graz. Infos: www.oeaw.ac.at/ikt.

Johann Heiss leitet das ÖAW-Projekt „Shifting Memories – Manifest Monuments. Memories of the ,Turks‘ and Other ,Enemies‘“. Siehe dazu die Website „Türkengedächtnis“: www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2010)

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