Kirche: Schönborn für Laien als Gemeindeleiter

Kardinal Schönborn überrascht bei der Diözesanversammlung mit einem „Masterplan“ für Reformen. Ein Vorschlag: Laien als Gemeindeleiter. Damit will er auf den drückenden Priestermangel reagieren.

Laien Gemeindeleiter
Laien Gemeindeleiter
(c) REUTERS (LEONHARD FOEGER)

[WIEN] Überraschung am ersten Abend der dritten und (vorerst) letzen Wiener Diözesanversammlung: Kardinal Christoph Schönborn spricht sich für Laien als Gemeindeleiter aus. Kirchenrechtlich ist dies kein Problem – anders als bei katholischen Pfarren, die von einem Priester geleitet werden müssen. Damit will der Wiener Erzbischof auf den drückenden Priestermangel reagieren.

Und er leitet damit eine Wende weg vom territorialen Prinzip ein. Gemeinde wird heute zumindest in Europa kirchlich weitgehend noch mit Pfarrgemeinde gleichgesetzt, was weder biblisch noch kirchenrechtlich zwingend ist. Künftig könnten mehrere (Teil-)Gemeinden – die heute vielleicht als Pfarre organisiert sind – rechtlich einer Mutterpfarre unterstehen. Wörtlich sagte Schönborn am Donnerstagabend im Stephansdom vor ungefähr 1400Delegierten: „Vielleicht war ich in den letzten Jahren zu zögerlich, Formen des Miteinanders in der Leitung unserer Gemeinden zuzulassen oder zu fördern. Positive Erfahrungen in einigen Wiener Gemeinden ermutigen dazu, diesen Weg weiterzugehen. Wir haben hier auch von Erfahrungen der Weltkirche mit ,kleinen christlichen Gemeinden‘ auch unter Laienleitung zu lernen.“ Damit spielt Schönborn auf die Situation in Südamerika an, wo funktionierende aktive Gemeinden oft monatelang keinen Priester sehen. In Wien wurde erst jüngst vom Kardinal ein Teamleitungsmodell der Pfarre Rodaun bestätigt. Auch bei den Movimenti, den innerkatholischen Erneuerungsbewegungen wie Neokatechumenat oder Fokulari, steht fast immer ein Laie an der Spitze.

Schönborn sieht die Entwicklung von Gemeindemodellen als einen Teil eines „Masterplans“. Denn an Strukturreformen führe kein Weg vorbei. Genauso wenig dürfe daneben die Mission vergessen werden. Mehr noch: Die Freude an der Mission müsse im „Masterplan“ die Mitte sein.

 

„Schmerzliches Jahr“

In den kommenden zehn Jahren werde sich sehr viel ändern. Der Kardinal: „Dieses schmerzliche Jahr mit der enormen Zahl an Kirchenaustritten hat uns gezeigt: Die Entwicklung geht schneller, als wir erwartet haben. Jetzt ist der Moment, Veränderungen aktiv anzugehen. In zehn Jahren können wir sie nur mehr erleiden. Jetzt haben wir die Chance, aber auch die Aufgabe, selber mitgestaltend in diesem beschleunigten Umwandlungsprozess beteiligt zu sein.“

Schönborns weitere Punkte des „Masterplanes“, die er bei der Diözesanversammlung skizzierte: Ein deutliches Ja zur heutigen Zeit und Gesellschaft mit der Verpflichtung der Kirche, sich auf die säkulare Welt einzulassen;
„Wahrnehmung“ anderer Religionen, besonders des Islam und da besonders der jungen Muslime; Förderung anderer christlichen Konfessionen unter Hinweis darauf, dass deren Mitgliederzahl in Österreich größer ist als jene der Muslime;
Förderung der anderssprachigen Gemeinden.

In zwei, drei Jahren soll eine neue Diözesanversammlung veranstaltet werden. Bis dann will Schönborn die Dekanate und Pfarren zu ähnlichen Versammlungen auf lokaler Ebene ermuntern.

Auf einen Blick

Diözesanversammlung. 1400 Delegiere beraten bis Samstag im Wiener Stephansdom im Rahmen der Initiative APG (Apostelgeschichte) 2010. Für Samstag, 12Uhr, ist ein von Kardinal Christoph Schönborn geleiteter Wortgottesdienst, der öffentlich ist, als „Sendungsfeier“ angesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2010)

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