„Null Religion“ in Schule scheitert

Tagung „Gott in der Schule?“. Der Laizismus ist nichts für Europa, sagen ausgerechnet französische Historiker. Selbst in Frankreich sei der Traum ausgeträumt.

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(c) Clemens Fabry

Soll der Staat den Religionsunterricht beeinflussen? Ist ein Kreuz im Klassenzimmer religiöse Diskriminierung? Was tun mit Schleier tragenden Schülerinnen? Seit Jahren sind Europas Schulen ein zentraler Kampfplatz, wenn es um den Platz der Religion in der Öffentlichkeit geht. Fragwürdige Lehrer und fragwürdige Inhalte im islamischen Religionsunterricht haben etwa in Österreich immer wieder für Skandale gesorgt – und viele gaben dem österreichischen Modell die Schuld: weil es allen staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften das Recht auf einen eigenen Religionsunterricht gewährt, gleichzeitig aber keinen Einfluss auf die Unterrichtsinhalte nimmt.

Die französische Alternative heißt: null Religionsunterricht, null religiöse Symbole in der Schule. Sie ist der Traum all jener, die glauben, dass Religion in der Öffentlichkeit nur Schaden anrichtet – vor allem dann, wenn dabei eine Religion bevorzugt wird. Der französische Laizismus, die Ausklammerung der Religion aus dem öffentlichen Raum, scheint da ein simples Wundermittel gegen jede Gefahr der Diskriminierung.

 

Menschenrechtswidrige Kruzifixe?

All jenen, die ihn gern nach ganz Europa exportieren würden, gab der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2009 Rückenwind: Nach einem Streit um die Kruzifixe in italienischen Klassenzimmern urteilte er: Öffentliche Schulen müssen konfessionell neutral sein. Wenn das Straßburger Gericht sich mit diesem Urteil, gegen das Italien berufen hat, durchsetzt, dann darf kein europäischer Staat mehr in den Schulen einer bestimmten religiösen Identität Ausdruck verleihen.

Aber wie nachahmenswert ist das europaweit einzigartige französische Modell wirklich? Bei einer internationalen Tagung über „Gott in der Schule“ am Donnerstag und Freitag in Wien zeigte sich Erstaunliches: Alle teilnehmenden französischen Historiker waren sich einig, dass die rigide Trennung von Staat und Religion keineswegs die richtige Lösung für Europa ist.

Ja, es widerspreche sogar den Werten der EU, allen Ländern ein Modell aufzuzwingen, ist Jean-Dominique Durand, Professor für Zeitgeschichte, überzeugt. „Die Schule, mit ihrer Gegenwart – oder Abwesenheit von Gott –, ist ein Herzstück der nationalen Identitäten, und genau damit nährt sie eine Vielfalt, die den Reichtum und das Besondere Europas ausmacht.“

In einer Zeit, in der die Menschen sich immer mehr „entheimatet“ fühlen würden, argumentierte Durand, tue es gut, sich seiner Wurzeln zu versichern – und das müsse keineswegs zu Feindseligkeit und Kulturkampf führen. Außerdem sei der französische Laizismus weit davon entfernt, zu funktionieren, wie die Kämpfe um den Schleier in den Schulen zeigten. Die hätten sich zwar in den letzten Jahren beruhigt, aber die Spannungen bestünden nach wie vor – Durand spricht von einem „bewaffneten Frieden“.

 

Laizismus ist „nicht exportierbar“

Selbst die Hohepriester des Laizismus hätten sich vom ursprünglichen strengen laizistischen Ideal verabschiedet, berichtete der Historiker Claude Prudhomme. Der Leiter des „Institut Supérieur d'Etude des Religions et de la Laïcité“ (ISERL) in Lyon erzählte die Geschichte der „Mission laïque française“, der 1902 gegründeten „Laizistischen französischen Mission“. Sie bemühten sich, den Laizismus ins Ausland, besonders in die französischen Kolonien zu exportieren, und einen rein „wissenschaftlichen und rationalen“ Unterricht in den Schulen durchzusetzen.

Und was geschah? Sie scheiterten am Rückhalt der Bevölkerung, mussten bald Kompromisse schließen und propagierten schließlich einen Unterricht „im Einklang mit den familiären und religiösen Strukturen des jeweiligen Landes“. Ihre Hundertjahrfeier beging die Laizistische Mission mit einer Konferenz, bei der die Frage „Ist der Laizismus exportierbar?“ klar beantwortet wurde: „Unsere Antwort ist Nein. Es liegt an den Männern und Frauen jedes Landes zu übersetzen, was Laizismus für sie bedeutet.“ Heute ermutige die Organisation Eltern der Schüler sogar dazu, Ramadan oder Weihnachten gemeinsam zu feiern.

Ende der 1990er-Jahre begann man in Frankreich, über einen Unterricht in „religiösen Tatsachen“ nachzudenken, man glaubte an das allmähliche Verschwinden der Religion in Europa und wollte das religiöse Wissen als Kulturgut bewahren. Der französische Philosoph Regis Debray wurde mit einem Bericht dazu betraut und empfahl, statt eines eigenen Fachs die religiösen Inhalte in die bereits bestehenden Fächer zu integrieren. Seit zehn Jahren arbeitet das Europäische Institut für Religionswissenschaften nun schon daran, dieses Vorhaben umzusetzen. Aber die Ziele hätten sich völlig geändert, erzählte der in Tunesien und Marseille lehrende Historiker Dominique Borne.

 

Religiöses lässt sich nicht mehr aussperren

Das Religiöse lasse sich heute nicht mehr aus den Schulen aussperren, sagte Borne – und brachte das Beispiel eines Pariser Volksschülers, der im Pausenhof „Gott ist Jude!“ ausrief und damit Tumulte auslöste. Mit den muslimischen Migranten, so Borne, sei das Religiöse wieder in die Gesellschaft „eingebrochen“. Nun müsse es darum gehen, den Schülern zu zeigen, „dass man französisch und muslimisch, französisch und ungläubig, französisch und katholisch sein kann...“

Die internationale Tagung „Gott in der Schule?“ fand am 28./29.10. im Institut français statt (Veranstalter: Université de Strasbourg, IWK und Institut français).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)

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