Ein Papst steht Rede und Antwort

Vorab hat es schon Schlagzeilen geliefert, heute kommt das Interview Peter Seewalds heraus. Was Benedikt XVI. über Missbrauch, die Regensburger Rede und die Piusbrüder zu sagen hat.

(c) AP (PIER PAOLO CITO)

Natürlich, es lässt sich hervorragend als Sensation vermarkten: Noch kein Papst habe ein Interview gegeben, heißt es in den Werbetexten des Herder-Verlags. Erst jetzt ist ein Münchener Journalist, Peter Seewald, derart nahe an Benedikt XVI. herangekommen, jetzt müssten – so ließe sich folgern – auch die Äußerungen sensationell sein. Benedikts Offenheit beruht auf dem Vertrauen, das er zu Seewald hat (siehe Porträt), mit dem er bereits als Kardinal zwei Interviewbände publiziert hat. Seewalds Ansatz bestand darin, einen geheimnisvollen, als erzkonservativ verschrienen Buhmann in seiner wahren Gestalt vorzustellen.

Seit fünf Jahren ist Ratzinger nun Papst; er redet vor der großen Öffentlichkeit, seine eigenen Bücher verkaufen sich bestens; das „Geheimnisvolle“ ist verschwunden. Wozu also auch noch ein Interview?

Vorab: Das Denken Joseph Ratzingers unterscheidet sich praktisch nicht vom Denken Benedikts XVI. Neues erfährt man über den „privaten“ Papst: Zum Beispiel, dass er abends manchmal einen Film auf DVD anschaut, „gern Don Camillo und Peppone“, und dass er den vom Leibarzt verordneten Hometrainer in der Ecke stehen lässt: „Im Moment brauche ich das Gott sei Dank nicht.“ Wahre Freude und „ein ganzes Konzert von Tröstungen“ erlebt dieser Papst, wenn er „beim Lesen der Kirchenväter das Schöne des Glaubens aufleuchten“ sieht oder sich mit dem spätantiken Augustinus und dem mittelalterlichen Thomas von Aquin „befreundet“ fühlt.

In diese Welt hinein explodierte jener „Vulkankrater, aus dem plötzlich eine gewaltige Schmutzwolke herauskam, die alles verdunkelte“: der Skandal des sexuellen Missbrauchs. „Das musste man erst einmal verkraften.“ Benedikt weicht den Fragen dazu nicht aus, überlegt, ob er als Papst – angesichts der Schweigevorwürfe – nicht doch noch mehr hätte reden sollen. Sicher, sagt er, habe es in den Medien „eine Freude gegeben, die Kirche bloßzustellen“, aber das habe nur geschehen können, „weil in der Kirche das Böse war“.

 

„Super-GAU mit Williamson“

Nachdenklich antwortet Benedikt auch auf die Fragen zu den Lefebvre-Bischöfen. Deren Exkommunizierung sei kirchenrechtlich zwingend gewesen, sie hätten dem Papst ja „uneingeschränkten Gehorsam“ versprochen: „Im Nachhinein ist man immer klüger.“ Benedikt kritisiert in diesem Zusammenhang das „Versagen unserer Pressearbeit“ und räumt unumwunden den „Super-GAU mit Williamson“ ein, dem Lefebvre-Bischof also, der den Holocaust leugnete. Der Vatikan hätte das wissen können, aber „leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut“.

Benedikt kehrt auch zu seinem Lieblingsthema zurück, zur „Diktatur des Relativismus“. Er befürchtet, dass diese „neue Religion“ die „Toleranz im Namen der Toleranz abschafft“. „Gerade das Christentum sieht sich einem Intoleranzdruck ausgesetzt, der es zunächst lächerlich macht – als einem verkehrten, falschen Denken zugehörig – und ihm dann im Namen einer scheinbaren Vernünftigkeit den Atemraum wegnehmen will.“ Ein Beispiel: „Wenn man im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zum Frauenpriestertum zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht. Das ist dann anscheinend die Freiheit – allein schon deshalb, weil es die Befreiung vom Bisherigen ist.“

Gleichzeitig ist dieser Papst nicht einer, der die Kirche vor der Moderne abschirmen will: „Wenn diese nur aus Negativem aufgebaut wäre, könnte sie nicht lange bestehen.“ Die Kirche müsse sich auch fragen: „Wo hat der Säkularismus recht?“ Und seine eigene Aufgabe sieht er in der Vermittlung von Glaube und Vernunft: „Wenn der liebe Gott schon einen Professor zum Papst machte...“

Benedikt will mit neuen geistigen Aufbrüchen – die „Bürokratie“ der sogenannten Volkskirche sei „verbraucht und müde“ – hinein in die „sich zersetzende Gesellschaft des Abendlandes“; die „großen Worte“ der Glaubenslehre müssten für eine gewandelte Welt neu übersetzt werden, das sei „erst im Anlaufen, aber noch nicht wirklich geglückt“.

 

Überrascht von eigener politischer Rolle

Letztlich münden alle, auch die kirchen- und selbstkritischen Worte Benedikts in eine positive Bilanz. Gutes sei in vielem Schlechten aufgeleuchtet, sagt er. Bei seiner „streng akademisch konzipierten“ Regensburger Rede beispielsweise – jener mit dem fatalen Zitat, dass „Mohammed nur Schlechtes gebracht“ habe – sei er sich „nicht bewusst gewesen, dass man eine Papstrede nicht akademisch, sondern politisch liest“, aber letztlich sei daraus ein „großräumiges und intensives Dialogverhältnis“ mit dem Islam entstanden – durch die Initiative islamischer Gelehrter allerdings, wie er auch einräumt.

Und dann die Sache mit den Kondomen. Sie hat das Buch schon vorab werbewirksam bekannter gemacht als ihm gut tat. Der Kern der kirchlichen Lehre ist unangetastet geblieben (siehe nebenstehenden Artikel). Aber immerhin hat der Papst durchblicken lassen, dass Kondome auch einen anderen Zweck haben können als den der Empfängnisverhütung, dass sie unter Umständen die Verbreitung von Aids bremsen könnten. In „begründeten Einzelfällen“ also könnten sie erlaubt sein, deutet Benedikt an. Aber viel mehr lässt er offen, und Seewald fragt – wie an so manchen Stellen – lieber zu wenig nach als zu viel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2010)

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