US-Diplomaten: Kardinäle "technophob und ignorant"

Die Führung des Vatikans bestehe aus alten "italozentrischen" Männern, heißt es in einem von Wikileaks veröffentlichten Dokument. Der Papst soll jahrelang Politik gegen einen EU-Beitritt der Türkei gemacht haben.

Pope Benedict XVI waves to faithful from his popemobile, in Rome, Wednesday Dec. 8, 2010. Pope Benedi
Pope Benedict XVI waves to faithful from his popemobile, in Rome, Wednesday Dec. 8, 2010. Pope Benedi
(c) AP (Pier Paolo Cito)

Die jüngsten Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform Wikileaks zeigen, wie US-Diplomaten den Vatikan einschätzen. In einem der Geheimdokumente heißt es, bei den Kardinälen herrsche Technophobie und Ignoranz im Hinblick auf die Kommunikations-Methoden des 21. Jahrhunderts. Nur wenige hätten etwa E-Mail-Adressen.

Die Depesche beschreibt den engsten Berater-Kreis um  Papst Benedikt XVI. als alte "italozentrische" Männer. Die rechte Hand des Papstes, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, sei ein "Jasager". Der Papst werde vor schlechten Nachrichten abgeschirmt.

Papst trat gegen EU-Beitritt der Türkei ein

Laut den Depeschen soll der Papst, damals noch einflussreicher Kardinal im Vatikan, jahrelang Politik gegen einen EU-Beitritt der Türkei gemacht haben. Das berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" am Samstag unter Berufung auf einschlägige diplomatische Geheimdokumente.

So habe sich Ratzinger im Jahr 2004 als Präfekt der Glaubenskongregation dagegen ausgesprochen, dass ein muslimischer Staat der Europäischen Union beitrete. Offiziell verhielt sich der Vatikan in dieser Sache natürlich politisch neutral. Der Vatikan-Diplomat Monsignore Pietro Parolin, heute Nuntius in Venezuela, wertete Ratzingers Einstellung als "persönliche Aussagen", die nicht der offiziellen Position es Vatikan entsprechen würden.

Die US-Diplomaten gingen davon aus, dass Ratzinger mit seinen Kommentaren einen Beitrag zur damals geführten Debatte um die Aufnahme eines "christlichen Gottesbezuges" in die EU-Verfassung leisten wollte. Der "Guardian" zitiert aus den Dokumenten einen US-Diplomaten, demzufolge es "für Ratzinger klar ist, dass es eine weitere Schwächung für die christlichen Wurzeln in Europa bedeuten würde, wenn ein muslimisches Land in die EU aufgenommen würde".

2006, als Parolin für den nunmehrigen Papst arbeitete, wurden dessen Aussagen vorsichtiger. "Weder der Papst noch der Vatikan haben eine türkische EU-Mitgliedschaft per se unterstützt", zitiert der damalige US-Geschäftsträger den Vatikan-Diplomaten. "Der Heilige Stuhl war aber immer offen für einen Beitritt, mit der Betonung darauf, dass die Türkei die Kopenhagener Kriterien der EU erfüllen muss, um ihren Platz in Europa einnehmen zu können."

Eine große Sorge sei laut Parolin, dass die Türkei der EU beitreten könnte, ohne notwendige Fortschritte bei der Religionsfreiheit gemacht zu haben. Die EU und die USA sollten demnach in dieser Hinsicht auf Ankara weiter Druck ausüben. In der Türkei stehe man kurz vor der "offenen Verfolgung" der Christen, es könnte gar nicht mehr viel schlimmer für die Christen in dem Land werden, zitierte der US-Diplomat seinen vatikanischen Informanten.

Vatikan reagiert empört

Der Vatikan bezeichnete am Samstag die Veröffentlichung von Depeschen über Papst Benedikt XVI. als "äußerst gravierend". Der Vatikan wolle den Inhalt der Depeschen nicht kommentieren, war in einer Presseaussendung zu lesen. "Die Depeschen spiegeln lediglich die Meinung derjenigen wider, die sie verfasst haben", heißt es in der Erklärung.

Die von Wikileaks veröffentlichten Dokumenten seien keineswegs Ausdruck der Position der Heiligen Stuhls. Auch die Aussagen der Vatikan-Vertreter, die in den Depeschen zitiert sind, seien ungenau, ihre Zuverlässigkeit sei bestreitbar.

 

(Ag./Red.)

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